Altersheimgflüster

Der weite Raum ist von sanftem, warmem Licht erfüllt. Im Hintergrund spielt ein Radio ruhige Volksmusik. Es riecht undefinierbar nach einer Mischung aus Holz, Plastik und stark geheizten Räumen. In der Mitte des Raumes formen drei aneinander gestellte Tische ein Rechteck. Weiter hinten steht ein einzelner, langer Holztisch. Erkennbar sind die Silhouetten von einem Dutzend älterer Menschen.

PFLEGERIN tritt ein. Spricht langsam und deutlich: Gute Morge Frau Lüthi, guete Morge Herr Eicheberger, Herr Ammann… Wie gahts ehne hüt so? Chönnt besser sii, Frau Hayez? Ja, das chönts wohl be eus allne, gället si. Hie send no eri Tablettli. Demet si de au möged. Die Pflegerin stellt den angesprochenen je einen durchsichtiges Plastikbecher mit Medikamenten hin. So Herr Kratz, händ si denn au all eri Medikamänt gnoh? Mached si mol aAAAAAAaah. Sehr guet. Mer wänd jo ned weder, dass s gliche passiert wie a Wiehnachte, gället sie. Lacht schwach. Aber met de neue Medikamänt gahts ene ja jetzt besser.
Stille. Leise hört man ein Schluchzen.

FRAU LÜTHI weint. Ich weiss nicht. Ich weiss gar nichts.
PFLEGERIN Stellt den letzten Becher hin und nimmt dann mitfühlend die Hand der Weinenden. Frau Lüthi, was esch denn los? Händ si de Brüeli?
FRAU LÜTHI nickt, wischt sich eine Träne vom Gesicht. Ich muess hie weg. Wieso ben ich hie? Ich muess hei. Pause. Nach Erlinsbach. Inere Viertelstund fahrt min Bus. Aber ich weiss ned wo. Ich weiss gar nüt meh. Ich weiss nüt. Nei, so wett i das ned. So wett i ned do si.
PFLEGERIN ruhig. Chömedi si, Frau Lüthi, mer lueget zäme es Heftli ah. De chömed si weder zur Rueh. Geht mit Frau Lüthi ab.
Stille. Die Medikamente werden mühsam mit Wasser hinuntergespült. Der eine oder andere verschluckt sich. Jemand blättert in der Schweizer Illustrierten. Herr Kratz seufzt und blickt auf die Uhr. Dann herrscht wieder Ruhe.

PFLEGERIN tritt auf. Betont fröhlich: So mini Dame und Herre, händ si en schöne Tag gha? Ja wundeeeerbaaar. Denn chönemer ja jetzt de Znacht serviere. Wellmer Bsuech bechömed gets höt Fleisch- und Chäsplatte. MMMMMMMmmm.
Es entsteht eine leichte Unruhe. Leise unterhalten sich zwei älteren Damen am hinteren Ende des Tisches miteinander. Herr Kratz blickt erneut auf seine Armbanduhr. 

Eine Familie tritt auf. Die beiden Elternteile und zwei Kinder. Sie setzen sich an den separaten Tisch. Kurz danach betritt eine junge Frau den Raum und bleibt unsicher stehen.
HERR KRATZ stützt sich auf seine Stuhllehnen und steht langsam auf. Seine Augen glänzen feucht. Ach, wies mich freut, wie sehr es mich freut, dass du da bisch. Er küsst die Hand der jungen Frau. Ach, das freut mich so.
ENKELIN Peinlich berührt: Aber das isch doch wirklich kei grossi Sach, Grossvater, wörkli ned.
Sie setzen sich gemeinsam. Essen wird serviert.
HERR KRATZ langsam leiser werdend: Schad, dass du scho so glii weder gah muesch. Aber ich verstah das scho… Du hesch halt sosch au no züg vor…

EIN FREMDER betritt den Raum und zieht höflich den Hut. Ade metenand, schöne Obe no. Bes zom nächste Mol de weder.
DAME IN SCHWARZ laut. Jaja, tschüss. Machs guet, hä. Und säg de Frau und Chinder en Gruess!
SITZNACHBARIN Alles gueti im neue Jahr! Und luegsch chli uf dini Gsundheit du Schlingel.
Der Fremde verlässt den Raum.
SITZNACHBARIN beugt sich zur Dame in weiss. Leicht gedämpfte Stimme: Du… Hesch du en Ahnig gha, wer das isch?
DAME IN SCHWARZ lacht leise. Nei, kei ahnig. S Gsecht hani kännt, aber de Name het mer um Gottes Wille ned welle in Sinn cho.

ENKELIN räuspert sich. Tuet mer leid Grossvater… S nechst mol hani de vellecht weder meh ziiht…
HERR KRATZ Es esch halt scho einsam da. Und ich wird au nümm jünger… Jetzt beni schoweder es Jahr älter…
ENKELIN nimmt ein Smartphone hervor. Chomm mer mached es Selfie. Als Erinnerig.

Jemand steht vom hinteren Tisch auf und verabschiedet sich.
DAME IN SCHWARZ Jaa, tschüüs. Schöne Abe no. Winkt, hält dann aber inne und sagt zu ihrer Nachbarin: Hesch du en Ahnig, wer das gsi esch?
SITZNACHBARIN mit einem Lächeln. Neii, kei Ahnig. Blickt zur Enkelin. Aber lueg mol, de Ernst het Bsuech vo sinere Enkelin. Lauter. Hä, Ernst, esch das dini Änkelin? Hesch du’s schön höt. Umringt vo Fraue. En richtige Hahn im Chorb.
DAME IN SCHWARZ lacht. Haha, hesch ghört Trudi? De Ernst isch de Hahn im Chorb. Die Angesprochene lacht. Stimmt, haha, de Ernst isch de Hahn im Chorb.
EINE SITZNACHBARIN. Soso Ernst, bisch de Hahn im Chorb?
EINE ANDERE Stimmt. Haha. De Ernst isch de Hahn im Chorb.
Vom anderen Ende des Tisches dröhnt eine Stimme: Gäll Ernst! Besch höt aso de Hahn im Chorb. Lacht ausgiebig.
HERR KRATZ UND ENKELIN lächeln schwach.

ENKELIN mit Blick auf ihr Smartphone. Ich muess leider schoweder gah.
HERR KRATZ nickt traurig. Sie verabschieden sich.
DAME IN SCHWARZ Ade, schön dass si da gsi send. Ja. Ja. Ade. WinktNach einer längeren Pause zu ihrer Nachbarin: Hesch du en Ahnig wer das gsi esch?