Amor und das Internet

Früher waren es der beste Freund oder die beste Freundin, die man um Rat fragte, heute eben das Internet. Denn Google weist niemanden ab, sieht dich nicht irritiert an und gibt die Antwort, die du lesen willst. Ausserdem: Wieso auf die präzise Antwort einer einzigen Person setzen, wenn man online auf den Erfahrungsschatz von zig Millionen Menschen zugreifen kann?

kreisch-love-herz

How-to-irgendetwas-Videos erfreuen sich gerade auf Youtube enormer Beliebtheit. Vertrauenswürdig aussehende Männer mittleren Alters erklären hier den Usern die Welt. Je nach Fachgebiet mit sympathischem Bäuchlein oder Brille. Neben Science-News und Bastelanleitungen gibt es natürlich auch gratis und ganz ohne Hacken Beziehungs- und Flirttipps. 8,7 Millionen Videos erklären den Männern die Frauen, 5,6 Millionen Videos den Frauen die Männern. Wie das klappt? Wunderbar! Ein Beispiel gefälligst?

Zwei Kumpels im Ausgang: der eine zum anderen: Du willst also was von der?
Kumpel 2: Ja, aber ich weiss nicht, wie ich es ihr zeigen soll.
Kumpel 1: Zeig mir mal ein Foto von ihr, Ganzkörper.
Kumpel 2: Kramt in seiner Fotobibliothek: Da.
Kumpel 1: Ah, das ist einfach. Die hat etwas dickere Beine. Sag ihr, dass du das magst. Sie wird dankbar sein. Glaub mir, Frauen ticken so.

Doch, doch. So was passiert. Solche „umgekehrten Komplimente“ sind seit einiger Zeit im Flirtumlauf. Das Konzept dahinter ist simpel: Man nehme, was man denke, sei die Schwachstelle einer Person und mache dazu ein Kompliment, dass eigentlich gar keins ist.
„Ich mag dein Lächeln, auch wenn deine Zähne so weit auseinander stehen “ oder „Ich habe kein Problem damit, dass du kleine Brüste hast. Grosse würden irgendwie gar nicht zum Rest passen“ gehören zur Tagesordnung. Das Ziel dabei: Selbstvertrauen des Gegenübers abbauen, Abhängigkeit von der eigenen Person aufbauen.

Wer noch mehr Liebestipps braucht, wird im Internet schnell fündig. „10 signs that he is into you“, „How to get her to fall in love with you“, „5 signs that he is just playing around“ sind erst der Anfang.

Das Gute: Du kannst dir aussuchen, was du hören willst. Spricht dir der eine Love-Guru nicht aus der Seele, wechselt du halt zum nächsten. Irgendeiner wird dir schon bestätigen, dass es ein gutes Zeichen ist, wenn sie dich auf allen Social Media Kanälen blockiert hat. Sie spielt einfach „hard to get“. Eine Taktik, die richtiggehend propagiert wird. Blöd nur, dass Männer das den Frauen raten und umgekehrt die Frauen dasselbe den Männer. Niemand will leicht zu haben sein. Wenn sich jedoch beide Parteien ignorieren, um sich so ihr Interesse zu zeigen, läuft man unweigerlich ins „Ghosting“. Sprich: Keiner meldet sich. Nie mehr.

Zudem wird als einfachste Art, eine Beziehung zu führen, weiter auf das Prinzip althergebrachten Geschlechterrollen beharrt. Natürlich nicht offiziell, sondern unterschwellig. Der Subtext lautet dann etwa: Jungs stehen total auf unabhängige, starke Frauen. Aber sei bloss nicht zu unabhängig, lass ihn beim Date bezahlen, zeig ihm, dass er der Mann ist. Mhm. Mach ihm Komplimente, sag ihm, dass er dein Held ist! Ganz toll. Als ob wir unsere Energie in Bizeps fühlen und Augenaufschlag komprimieren wollten.
Und während wir Mädchen nett kichern sollten, wenn der Mann die Tür für uns aufhält, gilt für euch Jungs: Don’t be the nice guy – sonst droht dir (das Konstrukt, das ihr euch selbst erschaffen habt) die Friendzone. Und das wäre ja das schlimmste, was euch passieren könnte. (Eine Frau als gleichberechtigten Partnerin, noch dazu in einer platonischen Beziehung? Heisst du denn Alice Schwarzer?!)

Das eigentlich gefährliche an diesen Ratgebern ist, dass sie einem durch die Blume sagen: Manipuliert euch gegenseitig, nutzt eure Schwächen aus. Und seid zwar ihr selbst, aber nur ja nicht zu sehr.

Love looks not with the eyes, but with the mind; and therefore is winged cupid painted blind.

Ganz Recht, Herr Shakespeare. Heute agiert Amor allerdings nicht mit Pfeil und Bogen, sondern mit Youtube-Channeln bewaffnet. Schiesst blindlings Ratschläge in die unbekannte Masse und hofft auf das beste; Dass seine Videos so oft geklickt werden, dass sie mit Werbung bespielt werden können. Schliesslich muss auch ein Date-Doctor seine Familie ernähren. Oder das Abendessen für sein nächstes Date bezahlen.

Frei formuliert: Im Krieg und in der Liebe ist verdammt nochmal nicht alles erlaubt.