Auch Flugzeuge haben Fernweh

Ich habe mir schon das übernächste Bier bestellt, als das Flugzeug durch die Tür herein kommt. Es ist ein altes Propellerflugzeug, das seine besten Tage klar hinter sich hat. Der Lack hat schon lange seinen Glanz verloren und an den unzählbaren Nieten nagt der Rost. Es setzt sich neben mich auf den Barhocker und gibt mit der rechten Tragfläche dem Barmann zu verstehen, dass es einen Schnaps will. Diesen kippt es sich routiniert hinter die Ladeluke und bestellt einen neuen. „Weißt du,“ beginnt das Flugzeug zu reden, „ich hab nicht immer getrunken.“ Es dreht seine abgewetzten Propeller in meine Richtung und fährt fort. „Viele denken, dass Flugzeuge den schönsten Beruf der Welt haben. Ständig auf Reisen, immer neue Länder unter dem Fahrgestell, stundenlang über die Wolkendecke gleiten. Aber lass mich dir was sagen, Junge: Es ist nicht immer alles frei, was fliegt.“

„Alles stand schon von Anfang an unter einem schlechten Flutlicht. Gebaut auf der ganzen Welt, zusammengeflickt in Deutschland, musste ich schon früh lernen, was es bedeutet, ein Flugzeug zu sein. tagaus, tagein sehen wir die selben langweiligen Wolken und die trübseligen, grauen Komplexe der Flughäfen, die sich höchstens im Namen unterscheiden. Keine Ausfahrten aufs Land, Wanderpartien auf den Säntis oder Besuche im Museum. Wir werden höchstens dort ausgestellt, wenn wir alt geworden sind. Dann hängen wir dann von der Decke und warten bis uns jemand wieder demontiert und zu Bierdosen verarbeitet.

Wie frustrierend es ist, zu wissen, dass neue Kulturen und Landstriche direkt dort hinter den Rollfeldern und dem Gitterzaun auf einen warten. Ich bin aber hier gefangen und kann nur darauf warten, wieder gehen zu müssen. Wenn sich dann doch mal einer meiner Kollegen losreißt und die Welt am Boden aus der Nähe betrachten will, sprechen sie von einer „Tragödie“ und einem „Nie dagewesenem Ausmaß an Zerstörung“. Da wird man doch auf kurz oder lang depressiv.

Das Schlimmste aber sind diese ewigen Stimmen im Kopf: „Guten Morgen, hier spricht Ihr Kapitän“, „Schätzchen holst du mir bitte einen neuen Kaffee?“ und „Was macht der Knopf noch mal?“ sind nur einige unkreative Auszüge. Die sitzen in Ihrem Schwanz-Loch* und pressen dadurch Ihre Neuigkeiten entlang meinem Rücken in die Passagierräume. Ihre Nachrichten werden komischerweise nie angezweifelt, als hätten sich alle Passagiere im stillen Einverständnis von ihnen bevormunden lassen. Ich hoffe die Angewohnheit, Anzugträgern an Steuerknüppeln blind zu vertrauen, wird nur im Flugzeug angewendet. Du wärst erstaunt, wie viel Dreck die über dich reden, wenn das Mikrofon nicht angestellt ist.

Die Stimmen geben Anweisung nach aussen, wann sie was in mich hineinstecken können. Ich hatte schon alles in mir: Badewannen, Tischtennistische, Autos, sogar Leichen flogen in mir. Das Verzweifelnde ist, ich werde nicht mal gefragt, ob es mir recht ist, als Kartoffeln getarnte Kalaschnikows an die Boko Haram in Nigeria zu transportieren. Wenn ich länger darüber nachdenke, möchte ich mich da manchmal einfach ins nächste Hochhaus stürzen.“

Das Flugzeug senkt die Propeller und hält sein letztes Glas Kerosin zwischen seinen Flügeln fest. Es sackt unmerklich etwas in sich zusammen. Vielleicht braucht es wirklich psychische Hilfe oder es versucht sich gerade einfach von seinem letzten schlechten Witz zu erholen. Ich schaue auf die Uhr und tätschle dem Flugzeug auf den Rumpf. „Komm, trink aus alte Klapperkiste. Unser Flug wartet.“ Ich nehme meine Uniform und die Pilotenmütze vom Haken an der Tür und geh voraus.

 

*Cock-Pit