Beiss mich ein bisschen

Vor acht Jahren kam Twilight in die Kinos. Wir erinnern uns – die Meinungen waren gespalten in:

  • Oh mein Gott, er ist so heiss
  • Was für ein Scheiss und
  • Der erste Film war ganz ok, aber die anderen habe ich nicht geschaut (Oh doch – und wie. Oh mein Gott, er ist so heiss.)

Männergeschmäcker sind halt verschieden, auch bei untoten. Wie bei vielen Fantasy-Geschichten, tummeln sich auch über die Twilight Saga Fanfiction spin offs im Internet. Für alle, die einfach Bücher lesen und es dabei belassen: Fanfiction sind die erfundenen Weiterführungen von Geschichten, geschrieben von Fans.

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Was ich ein bisschen lustig finde:
Fifty Shades of Grey ist eine Fanfiction von Twilight. Wenn man die männlichen Protagonisten der Werke gegenüberstellt, zeigt sich:
In Fifty Shades of Grey ist Christian Grey ein mysteriöser CEO. (Hab‘ ich mir sagen lassen.) In Twilight ist Edward Cullen ein mysteriöser Vampir. (Weiss ich, weil ich Twilight zwar immer langweilig fand, aber: TEAM JACOB.)
Es fällt auf, dass es sich bei beiden um eher kühle Typen mit Hang zu Schmerzen handelt. Diese Ähnlichkeit kommt nicht von ungefähr: In der ersten Version von Fifty Shades of Grey war der Protagonist noch Edward.
Weiter fällt auf, dass die weiblichen Protagonistinnen zwar «schön» sind, das aber auf eher unscheinbare Weise. Sie strahlen nichts Dominantes aus, nehmen eindeutig die devote Rolle ein. Und dem Publikum gefällt’s.

Aber wieso?
Ich dachte, wir befänden uns in einer emanzipierten Gesellschaft, in der vielleicht noch nicht alles so Yin und Yang ist, wie wir es gerne hätten, aber zumindest der Wunsch nach Gleichberechtigung gefestigt ist. Wie können dann Filme wie Twilight oder Fifty Shades of Grey zu Bestsellern werden?
Das widerspricht doch komplett der Hausmann – Karrierefrau- Theorie.
Mir ist jedenfalls kein Werk bekannt mit dem Plot:

  • 40-jährige Richterin führt 23-jährigen Angeklagten in das Kamasutra der Gerechtigkeit ein.
  • Waisenknabe kommt an eine neue Schule und lässt sich von seiner Chemielehrerin, die in ihrer Freizeit gerne Kröten und schwarze Hüte trägt, verführen.
  • Bäckerssohn besorgt der Managerin mit den Eisaugen nicht nur die morgendlichen Brötchen.

Das liest kein Mensch. Hoffe ich. Das sind nicht die Geschichten, die Herzen höher schlagen und Venushügel pulsieren lassen. Wieso funktioniert aber die klassische Rollenverteilung immer noch so gut? In der Generation vor unserer zeigten das die Kitschromane, vorher die Groschenromane und davor die klassischen Märchen. Der Wunsch nach einem Prinzen ist ein ursprünglicher, egal ob zu Pferd, zu Fuss oder zu Audi. Einer, der die ganzen Irrungen und Wirrungen des Lebens durch seine reine Existenz aufhebt und alles gut werden lässt. Das ist auch bei Geschichten über Vampire oder CEOs nicht anders. Dazugekommen ist lediglich der Wunsch, dass das Ende des Märchens nicht so einfach zu erreichen ist. Zuerst gilt es einen Parcour der Schmerzen zu durchlaufen; physisch und psychisch. Vielleicht hat man sich das Happy End dann hart erarbeitet und verdient oder so.
Die Frage aber ist: Sehnt sich auch die noch so emanzipierte Frau nach einem dominanten Mann?
Böse Zungen – ja, meine – behaupten: Mädchen, die früher Edward zu Füssen lagen, gehen später im Leben auch vor Christians auf die Knie. Und ich kann es ihnen nicht verübeln. Der Wunsch nach einem überlegenen Mann ist weder abwegig, noch pervers, noch falsch. Im Gegenzug gibt es ja genügend Männer, die sich von Frauen dominieren lassen. Diese Geschichten bleiben in den meisten Fällen allerdings im privaten SM-Keller und schaffen den Weg in die Kinos nicht.

Damit Beziehungen, egal ob sexuell oder romantisch, funktionieren können, müssen die Partner abhängig von einander sein – einer von beiden muss Biss oder eine Peitsche haben. Dass dieses Rollenspiel manchmal wechselt, ist nur gesund.
Tupac Shakur soll mal gesagt haben:

Gott schuf den Mann, damit er die Frau beschützt, nicht verletzt.

Egal, ob man an Tupac oder Gott oder den Inhalt dieses Zitats glaubt, was bleibt, ist: Wir wollen eigentlich alle jemanden, der uns in den Arm und zwischen die Zähne nimmt.