«Bist du glücklich?»

Gesund essen, regelmässiges Fitnesstraining, kein Alkohol: Grundsätze, die aus einer Gesundheitssendung stammen könnten. Den Trend zur Selbstoptimierung machen sich aber auch Sekten und Freikirchen zu Nutze. Um neue Mitglieder zu finden, gehen sie auch innovativ mit unseren persönlichen Problemen um.

Zum ersten Mal bin ich einer Sekte am Luzerner Bahnhof begegnet. Jemand hatte einen Bücherstand aufgestellt, mit Werken, die sich vornehmlich mit psychologischen Themen auseinandersetzten. Die Titel waren in etwa „Der Weg zum Glück“, „Wie werde ich ein besserer Mensch?“ oder „So funktioniert die Welt wirklich“. Für mich war das damals nicht unbedingt merkwürdig. Doch beim näheren Betrachten der Bücher fielen mir die wirklich unglaublich hässlichen Titelbilder auf.
Also wirklich Scientology: Auf eurer Website klappt es doch auch einigermassen.

Die Rekrutierung neuer Anhänger funktioniert bei dieser selbst ernannten „neuen Religion“ seit Jahren gleich: Potenziell unglückliche Menschen werden angesprochen und zu einem Persönlichkeitstest eingeladen. Mittels 200 zu beantwortenden Fragen wird dann herausgefunden, dass die Person einige Dinge in ihrem Leben ändern muss, um ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Das kann sie natürlich nur mit persönlichem Coaching durch Scientologen.

Scientology bietet unzählige Kurse an, die nach eigenen Angaben auch von Nicht-Scientologen besucht werden dürfen. In der sogenannten Purification etwa entledigt man sich schädlicher Stoffe, Drogen und Medikamente, die man im Laufe seines Lebens genommen hat. Im Auditing, sozusagen der Beichte, entledigt man sich dann unerwünschter Emotionen. Bist du interessiert? Dann probier doch schon mal einen der Online-Kurse, völlig kostenlos. Sie befassen sich so ziemlich mit jeder Lebenslage: Probleme im Job, Beziehungen, Konflikte, aber auch mit den Grundlagen von Public Relations und vielem mehr.

Interessant: Obwohl Scientology in den letzten Jahren viel Selbstbewusstsein mit der Errichtung eigener Kirchen und auf der eigenen Website zeigt: Aktiv in der Öffentlichkeit tritt Scientology nur in Form von Unterorganisationen auf, wie etwa ein Verein namens „Sag NEIN zu Drogen – Sag JA zum Leben“ oder „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte“.

Wer sich mit dem visuellen Aspekt ihrer Publikationen beschäftigt hat, merkt, dass sie oft Gemeinsamkeiten aufweisen: übersättige, bedrohliche Farben auf Titelbildern von Büchern und Broschüren. Wobei die Website in harmlos-hellen Blautönen gehalten ist.

Ähnlich die Zeugen Jehovas: Der Wachtturm etwa beeindruckte lange mehrheitlich mit düster-bedrohlichen Bibelbildern. Im Kontrast dazu ist die Website in vertrauensvollem Blau gehalten: Soll so den Menschen das nahende Unheil suggeriert werden und gleichzeitig klar werden, wer ihnen helfen kann?

Was immer dahinter gesteckt hat: Seit einigen Jahren verwendet der Wachtturm eher „familienfreundlichere“ Bilder mit lachenden Gesichtern. Ab und zu schleicht sich höchstens ein dunkles Kriegsbild mit ein.

Auch die Zeugen Jehovas  nehmen sich den ganz normalen Problemen des Alltags an und besprechen Themen wie: „Die Familie: Was macht sie glücklicher?“ in ihren Publikationen.

Und wer hätte es gedacht: Auch die Mormonen verfolgen das Ziel zur grösstmöglichen Optimierung der eigenen Fähigkeiten. Sie glauben daran, dass sie alles, was sie sich jetzt an Wissen und Fähigkeiten erarbeiten, in das Leben nach dem Tod mitnehmen können.

Für einen Mormonen gehört es sozusagen zum guten Ton, Anfang zwanzig zwei Jahre lang zu missionieren. Selbst bin ich in meinen Teenagerjahren in Lausanne einem solchen Missionar begegnet: Ein junger, schlanker Blondschopf in einer Art Schuluniform namens James. „Hast du Zeit für ein Gespräch über die Church of Latter-days Saints?“. Ja, ich hatte Zeit und ja, die Schuluniform hatte mich neugierig gemacht.

James war ein geduldiger Mensch, der auf keine meiner Fragen ungehalten reagierte. Zu allem war ein Zitat aus dem Buch Mormon parat. Ich glaube, er kannte das ganze verdammte Ding auswendig. Und wann immer er etwas erzählte, klang das nicht wie eine Geschichte aus einem Buch, sondern wie etwas, dass einem Freund von ihm wirklich passiert war. Er glaubte wahrhaftig an die Visionen des Propheten Joseph Smith Junior.

Bei heikleren Themen wie Homosexualität, Rechte der Frauen und Drogenkonsum antwortete er immer in etwa: „Das ist ok, aber nicht bei uns.“

Eine Rhetorik, die ich bei Redner der verschiedensten religiösen Gemeinschaften heraushöre. Man will ja niemanden mehr vor den Kopf stossen. Und doch müssen die Regeln für die eigenen Anhänger klar sein.

Nur so werden sie nämlich glücklich und vollkommen.