«Cache leeren?»

Typ, Mitte zwanzig, dunkelblondes Haar, schiefes Lächeln. Er hält ‘n Bier in seiner Hand und sitzt vornübergebeugt auf einem roten Kunstleder-Clubsessel.

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«…Weisst’, ich frag mich einfach manchmal, warum gerade alles um mich herum heiratet. Boah, wenn ich dran denke, jetzt zu heiraten. In einem Jahr dann ‘n Kind. Ich will doch vorher noch so viel machen. Oder? Weisst’ wie ich mein’?»
«Ja, absolut. Aber ich mein, wenn’s für sie passt. Warum nicht?», antwortet sie nur.
«Klar, aber woher wollen sie wissen, dass es nich’ nur für jetzt passt, sondern für immer? Also halt für immer immer. Das is’ doch des Ziel von so’ner Ehe.»
«Naja, schon, aber sowas weiss man doch nie hundertprozentig. Also ich werd das jedenfalls nie ganz wissen, denk’ ich.»
«Mhm…»

«Weisst’ was ich mich andauernd frage, wenn ich ‘mal wieder auf Facebook schau’?»
«Lass mal hör’n», meint der Kumpel.
Die beiden sitzen gemütlich auf dem heimischen Sofa. Zischend und klackend entlädt sich die Kohlensäure aus den Bierdosen.
«Ich muss da irgendwie dauernd an den Unterschied zwischen Medienrealität und Wirklichkeit denken. Ich mein alles, was wir da lesen, is’ so krass gefiltert. Dann passieren innert einer Woche drei Gräueltaten in Europa und schon wird auch über einen Mann berichtet, der irgendwo in China eine Gruppe behinderter Menschen mit ‘nem Messer angegriffen hat.»
«Phuu, alter. Is’ halt so, ‘ne. Sowas is halt grad’ aktuell. Klar, isses eigentlich ziemlich bescheuert, aber die Zeitungen brauchen halt die Klicks für ihre Werbeeinnahmen.»
«Aber des kann’s doch ned sein. Da muss man doch mal was machen, ‘nen Gegensatz liefern, findest ned?»
Der Kumpel genehmigt sich einen tiefen Zug des goldgelben Lebenssaftes.


«Weisst’ was?», fragt der Mittzwanziger, während er seine Kehle mit gebrautem Getreidesaft befeuchtet.
«Was denn?», die Freundin fragt sich schon, was ihm diesmal durch den Kopf geht.
«Ich bin heut’ Auto gefahren. Konnte leider mein Handy nich’ an die Anlage anschliessen und musste dann Radio hören. Das Zeug, was da läuft is’ doch irgendwie herzlos überproduziert, oder?»
«Naja, gibt ja auch echt gute Sachen. Du hörst doch viel davon.»
«Ja schon, aber es tut mir oft dann so leid, wenn die Leute nicht erfolgreich sind und ihre Leidenschaft nich’ ausleben können, weil halt die Kohle ‘ran muss. Das sind oft so begnadete Musiker. Ich werd da immer ganz eifersüchtig, wenn ich die höre. Dann bereu’ ichs, dass ich nie gelernt hab Gitarre, Klavier oder, keine Ahnung, Geige zu spielen. Ich würd‘ mich auch gern so ausdrücken können. Nich’mal singen kann ich.»
«Ich würde auch gern tausende Sachen können, aber ich mach halt andere Sachen viel lieber und hab deswegen keine Lust und Zeit noch mehr von Grund auf zu lernen.»
Er dreht den Kopf weg und denkt sich: Irgendwie verstehst du nich’ was ich mein’.

«Hey man, alles klar?», die Worte klingen metallisch durch den Hörer. Schluck, kalte Bitterkeit, leichtes Schwindelgefühl.
«Heyho! Nee, irgendwie nich’ man. Bei Dir? Hast überhaupt kurz Zeit?», antwortet er auf die Begrüssung des Kumpels. Gesehen haben sie sich schon lange nicht mehr.
«Klar, bin grad’ vom Arbeiten zurück. Was is’ denn?»
«Ich weiss ned man, fühl mich ‘mal wieder allein. Irgendwie will das ned mit mir und Frauen. Ich hab da kürzlich eine kennen gelernt. Schon ’n paar Mal was gemacht, aber glaub, dass sie nichts will. Fühlt sich auf jeden Fall so an. Wie machst du das immer? Ich muss sie doch ned einfach so küssen. Was, wenn sie das ned will?»
«Phuu alter, ich hab’s halt bis jetzt immer drauf ankommen lassen. Hab’s einfach versucht. Wenn’s klappt, is’ ja gut und wenn ned, dann haste ‘ne peinliche Geschichte mehr zu erzähl’n wenn du besoffen bist.»
«Haha, ja stimmt ja irgendwie. Aber ich bin das irgendwie nich’. Da musses doch ne Frau geben, die noch auf die alte Schule steht. Oder ned?»

Lautes Gelächter.

«Die musst mir dann unbedingt zeigen, man!»

Typ, Mitte Zwanzig, dunkelblonde Haare, kein Lächeln. Die Rechte krallt sich an einer Bierdose fest. Seine linke Pobacke wird vom nächsten Trunk in Aluminium heruntergekühlt.
‘Was mach ich bloss als Bachelorarbeit? ‘Ne Webserie wär cool. Mit so richtig gutem Intro, toller Story, nichts 0815-mässiges. Oder doch was in Virtual Reality? Das wär wahrscheinlich besser, wenn ich nach dem Studium nach Deutschland will, um Game Design zu studieren. Aber ‘ne Doku wär auch toll. Es gibt so viele Themen, die an den Leuten irgendwie vorbei geh’n. Phuu…ich muss da endlich mal mit ihm drüber reden, wir wollten das ja zusammen machen. Vielleicht noch ’n paar Leute dazu holen. Langsam wird’s Zeit.’

Eine Schwarze Gestalt zieht in der Dunkelheit seiner Wege. Den Rhein entlang. Leise klingen rhythmische Beats aus den Headphones. In der rechten Hand blitzt das Leichtmetall einer Bierdose im Mondlicht auf. Die schwarzen Sportschuhe landen auf der Sitzfläche einer Holzbank. Er hat die Augen geschlossen. Konzentriert sich auf die Melodie und die weibliche Stimme, die sein Trommelfell verwöhnen.
Keine störenden Geräusche. Nur er kann sich helfen. Nur er kann seine Fragen beantworten. Nur er kann irgendwann wissen, wer er ist, was er ist und mit wem er ist. Vielleicht auch nie.
Ein schiefes Lächeln zeichnet sich ab. Der Kopf fängt leicht an zu wippen, die feuchte Erde gibt unter dem perfekt gelandeten Freudensprung nach. So wie jedes Mal, wenn er diese Bank wieder verlässt. Mit festen Schritten und befreit, entfernt sich die schwarze Gestalt von der Holzbank. Das Licht des Mondes spiegelt sich auf der halbvollen, verwaisten Dose mit der Aufschrift «Gebraut nach deutschem Reinheitsgebot».