Das Tor zur Digiwelt

Als Kind wünschte ich mir oft, in eine andere Welt flüchten zu können. Ach, was sag ich da – ich tu es heute noch ab und zu. Doch was sich früher nur in meinen eigenen Träumen abspielen konnte, scheint mit der heutigen Technik immer näher zu rücken: Meine Reise in die Digiwelt.

Agumon (ein oranger Dinosaurier in Kleinformat) sitzt auf einer Strassenlampe und blickt zum verdunkelten Himmel Tokios hinauf. Ein warm leuchtender Lichtstrahl ragt wie eine Säule aus der verwüsteten Strasse unter ihm. Eine unsichtbare Kraft hebt ihn von der Strassenlampe und zieht in sanft an das obere Ende der Lichtsäule, wo das Portal in eine andere Dimension wartet – die Digiwelt. Tai, sein menschlicher Partner, muss ihn zurückbegleiten, auch wenn er noch so gerne in seiner realen Welt, seiner Heimat, bleiben würde. Denn auf der anderen Seite wartet das Abenteuer seines Lebens auf ihn. Auch er wird in das Portal gesogen.

Ich sass gebannt vor dem Fernseher – ein siebenjähriger Junge, der sich von der Welt missverstanden fühlte. „Digimon“ hiess die Serie, in der eine Gruppe von Kindern in eine andere Welt entführt wird und dort mit ihren persönlichen Monster-Begleitern namens „Digimon“ ebendiese retten soll. Die Vorstellung, dass sich auch für mich irgendwann am Himmel ein Portal öffnen könnte und auf der anderen Seite ein neues, abenteuerliches Universum auf mich warten würde, bescherte mir ein warmes Gefühl in der Magengrube.

Doch leider geschah das nie. Das Tor zur Digiwelt blieb mir verschlossen. Stattdessen durfte eine Gaming-Welt nach der anderen meine Sehnsucht stillen. Als blauhäutige Troll-Schurkin, magische Katzengestalt, Held in grünem Gewand oder als italienischer Klempner habe ich diese Orte bereist. Auch wenn ich unzählige Stunden dort verbracht habe, so war doch immer eine Grenze zwischen mir und meiner Fantasiewelt.

„Virtual reality is the first step in a grand adventure into the landscape of the imagination.“

Frank Biocca, Communication in the Age of Virtual Reality

 

Virtual Reality: Könnte das der Schlüssel sein? Sprich: Wird es uns irgendwann möglich sein, eine virtuelle Welt zu entdecken, ähnlich der echten? Oder ist diese Grenze unüberwindbar?

Virtual Reality wird von der Gamebranche schon als „die nächste Generation des Gamings“ bezeichnet. In Zeiten, in denen die Grafik von Spielen der Realität bereits Konkurrenz macht, müssen Microsoft, Sony und Nintendo andere Alleinstellungsmerkmale für ihre Spielkonsolen finden. Den Riesenerfolg, den Nintendo mit der Wii und seiner innovativen Bewegungssteuerung geschafft hat (und minderwertig von den anderen kopiert wurde), soll nun mit der virtuellen Realität erreicht werden.

Trotzdem steckt der Virtual-Reality-Hype noch in den Kinderschuhen. Der Einzug in das Wohnzimmer der Verbraucher geht nur stockend voran. Zu teuer ist die Produktion der Hardware (ein sogenanntes Head Mounted Display) und zu gering die Anzahl an Dritt-Anbietern, die die entsprechende Software produzieren – und das, obwohl die Entwicklung dieser Technologien schon seit mehr als zwei Jahrzehnten im Gange ist.

Bereits in den 90er-Jahren wurden erste Anläufe gestartet: Der „Virtual Boy“ von Nintendo war einer von ihnen. Dieser batteriebetriebene, feuerrote Kasten auf zwei Beinchen entführte die Gamer in eine schwarz-rote, niedrigaufgelöste Pixelwelt, die mehr Kopfschmerzen als Freude bereitete. Sowohl in Japan wie auch in westlichen Märkten war der Virtual Boy ein Misserfolg – die technischen Hürden waren zu gross, das Endprodukt zu wenig intuitiv für den Verbraucher. Ein Zeichen, dass man die Finger von dieser Technologie lassen sollte?

Mitnichten.

Stell dir nur mal vor, was in Zukunft alles möglich sein könnte: Übe als angehender Chirurg die Transplantation eines Herzens im virtuellen Raum, besichtige dein geplantes Traumhaus auf digitale Weise, triff deinen Freund aus dem Sprachaufenthalt in einem virtuellen Raum oder erlebe das Versinken der Titanic als Passagier mit (und entdecke dabei deine Kreuzfahrtschiff-Phobie). Das Potential scheint grenzenlos.

Doch was ist, wenn die virtuelle Realität zu gut, zu real wird? Spielsucht wurde durch das Internet und dessen einfache Zugänglichkeit genährt. In der virtuellen Spielewelt etwas zu erreichen, gibt einem den Adrenalin-Kick, den man im langweiligen Alltag vermisst – man will noch mehr davon. Neben den Spielen wirken auch unzählige pornografische Inhalte auf unsere sexuell getriebenen Instinkte wie ein unwiderstehliches All-you-can-eat-Buffet – und wir Menschen sind unersättlich. Was passiert nun, wenn sich die Virtualität mit der Realität gleichstellt? Werden wir alle nur noch mit einer Brille ausgerüstet auf unseren Sofas rumliegen und verkümmern, immer auf der Suche nach dem nächsten virtuellen Kick? Werden wir in Zukunft nur noch mit der virtuellen Nachbildung unseres Traum-Partners Sex haben (Jake Gyllenhaal, ich komme!), wie dieser japanische Herr hier?

Ich glaube nicht. Jedenfalls nicht in nächster Zukunft. Sorry Jake.

Eigentlich bleiben uns nur zwei Möglichkeiten: Entweder, wir belassen es bei unseren kühnen Träumen und wilden Fantasien. Oder aber, wir versinken irgendwann komplett in der Virtualität – und lassen die Menschheit und die Realität, die wir bisher kannten, hinter uns.

Das Tor zur Digiwelt blieb uns bisher verschlossen. Vielleicht nicht ohne Grund.