Die Könige des Hentai wollen keinen Sex

Sie sorgen rund um die Welt für Höhepunkte, haben aber selbst gar keine Lust mehr auf Sex: Japaner. Eine ganze Generation verliert sich im Land der aufgehenden Sonne zwischen Berufswelt und sozialer Isolation.

Grosse Brüste, grosse Augen, wunderschön und surreal: In kaum einen anderen Unterhaltungsgenre werden Frauen so sehr zu etwas stilisiert, was sie nicht sind. Für „Hentai“, wie im Westen die gezeichneten und animierten Pornos übergreifend genannt werden, ist Japan bekannt.

Egal, ob mit Hermaphroditen (Futanari), Lolitas (Lolicon), oder grossen Brüsten (Bakunyû) – für jeden Geschmack ist gesorgt. Das dabei vielleicht berühmteste Subgenre: „Tentacle Porn“.

Die Fantasie, Sex mit einem mehrarmigen Tier zu haben, ist dabei nicht etwa eine moderne Erfindung. Die erste Darstellung einer Taucherin, die Oral durch einen Oktopus befriedigt wird, datiert zurück in die Edo-Periode, genauer auf das Jahr 1814.

Es ist kein Zufall, dass „Tentacle Porn“ beinahe als Synonym für japanische Pornos verwendet wird. Denn in Japan ist die unzensierte Darstellung von Geschlechtsteilen nach wie vor verboten. Ein Tentakel jedoch, wenn er auch „zufällig“ eine gewisse phallische Form haben mag, ist kein Geschlechtsteil. Ein Umstand, den sich die Pornoindustrie zu Nutze gemacht hat.

Sex sells

So Sexbesessen die Japaner auf uns Westler wirken mögen, sie sind es nicht. Im Gegenteil. Ihre Regierung muss sie beinahe schon zwingen, für Nachwuchs zu sorgen.

Seit mehr als einem Jahrzehnt nimmt die japanische Bevölkerung stetig ab. Bis 2060 soll sie gar um einen Drittel schrumpfen. Die Geburtenrate hat vielleicht nicht zwingend etwas mit der Häufigkeit von sexuellem Kontakt zu tun. Und doch: Laut einer Studie des japanischen „National Institute of Population and Social Security Research“  haben rund die Hälfte der unverheirateten Männer und Frauen bis 34 Jahre angegeben, dass sie kein Interesse an irgend einer Art romantischer Beziehung haben.

45 Prozent der jungen Frauen zwischen 16 und 24 Jahren möchten überhaupt keinen sexuellen Kontakt. Es sei „Mendokusai“ – zu lästig.

Einer der Erklärungsversuche: Japaner arbeiten bis zu 20 Stunden am Tag. Da bleibt nicht viel Zeit für sozialen Austausch. Zudem tun sie sich schwer damit, auf Fremde zuzugehen. Sobald es keine festgelegten Rollen, wie etwa von „Senpai“ (Lehrer) zu „Kohai“ (Schüler) gibt, ist kaum mehr ein geregelter sozialer Umgang möglich.

Und für Japanerinnen wären eine Beziehung mit Kindern doppelt belastend: Als Mutter weiter einem Beruf nachzugehen ist beinahe unmöglich. Ein Kind mit nur einem Monatsgehalt grosszuziehen ebenfalls. Dazu kommt, dass eine Heirat in Japan als Friedhof der Frau gilt. Und das, wo die japanische Emanzipation erst gerade ins Rollen kommt.

Neben all diesen sozialen Aspekten ist es aber bei 20-Stunden-Schichten auch einfach viel effizienter, sich in einem Kuschelcafé kurz eine Portion Nähe zu holen oder sich von einem gutaussehenden Host für ein kleines Entgelt umgarnen zu lassen. Es braucht keine Kennenlernphase und ist gut in jeden Terminplan integrierbar. Liebe auf Raten, sozusagen.

Erinnert euch das an etwas? Vielleicht ein bisschen: Zum Beispiel an die, nennen wir sie Dating-App, Tinder. Das Prinzip: Möglichst wenig Zeitaufwand für möglichst viel Ertrag. Und während hier im Westen das Ziel dann doch meistens eine Bettgeschichte ist, sehe ich doch das Entwicklungspotenzial zu japanischen Verhältnissen. Vielleicht wird auch bei uns einmal Leistung wichtiger als Sex.

Wäre das schlimm?