Die Kunst hungrig zu bleiben

Meine Generation ist nicht mehr ganz jung. Der Stoffwechsel arbeitet unterdessen ähnlich, wie der Rest des Körpers: gemütlich und doch gestresst. Es gilt nun nicht mehr, den Bartwuchs zu fördern, sondern den wandernden Haaransatz zu stoppen. Wir können zwar noch immer Hautunreinheiten produzieren, aber in unseren Zwanzigern, so scheint es, keine neuen Fehler mehr machen. Noch ein paar Jahre, und auch unsere geistige Entwicklung ist zu einem grossen Teil abgeschlossen.

Unser Ich besteht aus den Erinnerungen, die wir haben. Sie setzen sich wie kleine Saugnäpfe an unseren Synapsen fest. Und wenn die erst mal blockiert sind, ist es schwierig, sie mit neuen Bildern zu füllen. Das Problem: Einige Erinnerungen existieren tatsächlich, andere haben sich als Unwahrheiten in unser Hirn genistet. Und so legten wir über die Jahre Wissen über unser Leben und die Welt an.

Unser erster Schultag. Wie Paris Hilton bei «The Simple Life» bis zur Schulter in einer Kuh steckte. Der Beginn des Irakkriegs. Als sich Marilyn Manson zwei Rippen entfernen liess, um sich selber oral befriedigen zu können. Unsere erste Wohnung. Der Tsunami in Sri Lanka. Und dazwischen der eine oder andere Weltuntergang.

Alles Bilder, die in unserem Kopf gespeichert und somit Teil von uns sind. Einige davon sind wirklich passiert, andere nicht. Aber – ob echt oder nicht – darauf aufbauend, denken wir. Diskutieren wir. Handeln wir. Es wäre daher vorteilhaft, wenn möglichst viele Fakten in unserem Kopf echt wären. Damit wir später keine Alternativen aus dem Repertoire holen müssen.

Deshalb: Wenn dir ein Mensch das nächste Mal ein Bild zeigt und dir versichert «It’s huge, it’s true!» – sei skeptisch. Sag ihm zum Beispiel, dass es nicht auf die Grösse ankommt. Sondern auf das, was er damit anrichten kann. Oder denk an etwas Anderes. Es wäre schade, wenn dieses Bild eine Erinnerung aus deiner Kindheit ersetzen würde.

Meine Generation ist noch nicht alt. Unser Körper zersetzt sich zwar schon wieder,  aber unser Gehirn hat noch ein paar Jahre, um sich zu entwickeln. Anders als bei unserem Stoffwechsel bestimmen aber wir selber, was und wie viel wir speichern wollen.