Die moderne Frau; (r)eine Polemik

“Der Vogel, welcher sonsten fleucht, wird hier zu einem Tier, was kreucht” steht auf dem Etikett der Flasche portugiesischen Weins vor uns. Es ist später Nachmittag. Wir sitzen in einem Warteraum am Bahnhof Delémont. Dieses kleine jurassische Städtchen ist nicht Paris, trotzdem tut sich gleich einiges in diesen Minuten.

Der Himmel, grau-schwarz wie die Arbeitsbekleidung der ankommenden Beamten. Sie steigen aus dem Zug von Basel aus und suchen sogleich Unterschlupf vor den dicken Hagelkörnern, die zu Boden prasseln – Frühling in der Schweiz. Der Wind peitscht durch den offenen Durchfahrtsbahnhof, den Geleisen entlang. Als der Zug losfährt, entreisst ein Windstoss einer jungen Frau den Schirm und trägt ihn in die Ferne. Einige Augenblicke später treibt eine Spritzkanne und eine in der grauen Tristesse leuchtende Bauarbeiterjacke über den Bahnsteig. Wer kann, flüchtet ins Innere. Zielsicheren Schrittes steuert die Frau ohne Schirm auf das Wartehäuschen zu und öffnet dessen Tür. Als ihr der Zigarettengestank entgegen schlägt, verzieht sie ihre Miene. Doch erst der arabische Redeschwall des eritreischen Asylanten neben uns lässt sie auf dem Absatz kehrt machen, um im draussen wütenden Sturm Schutz zu suchen.

Der junge Eritreer redet und redet, ohne Unterbruch und in einem Tempo, das selbst einer geschwätzigen Klatsch-Tante imponieren würde. Wer auch immer ihm zuhört, hat Nerven aus Stahl – oder Kopfhörer mit Musik in den Ohren und ein Handy vor der Fresse. Ohne gross zu zögern hat sich eine Dame anfang Dreissig zu unserem illustren Kreise hinzu gesellt, bleibt aber dank besagten Utensilien in ihrer eigenen Welt. Doch was ist das für eine Welt?

Stellen wir unsere und ihre Welt doch mal gegenüber.

Wenn man will, mutet das Innere des sonst durchgehend männlich besetzten Warteraums ein wenig wie eine marokkanische Wasserpfeifen-Bar an. Wer zu lange darin verweilt, wird danach seine Kleider in die Wäsche geben müssen und Kopfschmerzen dürften ob der vielen fremden Sprachen, die darin gesprochen werden, auch unvermeidlich sein. Aber irgendwie hat es auch etwas: Die arabische Musik, die aus den Handy-Lautsprechern des Typs am anderen Ende des Raums dringt, sorgt für Stimmung, das Sprachen-Wirrwar für interkulturelles Flair. Einige Minuten in diesem Warteraum könnten, mit etwas gutem Willen, auch als ein paar Minuten Urlaub durchgehen. Der Sturm, der draussen wütet, scheint ganz weit weg – das Leben ganz nah.

Auf der anderen Seite diese Frau; gekleidet, wie wenn sie von Herrn Zalando höchstpersönlich vergewaltigt worden wäre und ausgestattet mit einer peinlichen Superstar-Attitüde, die man bei Instagram-zur-Schau-Stellern ab zehn Followers beobachtet. Sie beschäftigt sich nun gut und gerne zehn Minuten mit ihrem Selfie-Stick und zeigt den Männern in diesem Raum, wer hier wirklich wichtig ist. Ohren und Augen, in der ich-orientierten Welt gefangen, haben keine Möglichkeit, das Leben im restlichen Warteraum und draussen zu erfassen. Ihr Handy wird geschützt von einer Hülle mit dem Konterfei von Audrey Hepburn… Audrey Hepburn!? Da stellt sich die Frage: Warum? Ist die liebe Audrey nur ein schönes Sujet und nichts weiter? Wohl kaum. Jetzt mal ehrlich; will nicht jede Frau so sein wie Ms. Hepburn?

Schön, weltoffen, erfolgreich und beängstigend selbstsicher – eine schöne Vorstellung. Die Sache hat zwei Haken: Erstens; Audrey Hepburn hatte kein Smartphone, zweitens; die moderne Frau interpretiert die Werte dieser Stilikone völlig falsch: Audrey Hepburn revolutionierte in der Rolle von Holly Golightly das Frauenbild und trug einen Teil zur Emanzipation bei; unabhängig von ihrer Art, Geld zu verdienen und ihrem Erfolg, beharrte sie auf ihrer Selbstversorgerrolle, die in dieser Zeit klar dem Mann zugeteilt schien. Schnitt.

Doch was blieb 55 Jahre nach Breakfast at Tiffany’s? Was zeichnet die heutige Frau aus? Schauen wir doch nochmals nach rechts; Schön? Weltoffen? Selbstbestimmend und selbstsicher? Gott bewahre. Beschäftigt mit ihrem fiktiven Ich, scheint es, als ob die Frauen heute ihr Selbstbild schneller wechseln als sie auf Tinder swipen können. Die Emanzipation richtet sich selber.

Die moderne junge Frau ist nichts weiter als ein Sklave einer fiktiven elektronischen Realität. Die verzweifelte Suche nach Bestätigung führt zu vollmundigen Hashtags, die unter das eigene Bild gesetzt werden. #pretty – #nice – #beautiful. Alles schon gelesen. Jeder erhaltene Like wirkt affirmativ. Und dennoch wird kein Blick auf den Klatsch-Blog schadlos überstanden. Der nächste Komplex stürzt sich beim nächsten Klick auf das wehrlose Opfer. Kommt dazu, dass so manche moderne Frau Stunde um Stunde her gibt, um dem Bachelor, Heidi Klum oder der jeweiligen Shopping Queen zuzuschauen. Dabei will sie ihren Stolz bewahren, in dem sie sich über das Gesehene lustig macht … aber viel mehr macht sie sich selbst etwas vor. Woche für Woche wieder.

Die mühsam erkämpfte Selbstbestimmung nutzt sie dazu, sich artig in die Gesellschaft einzugliedern. Sie übernimmt ehrfürchtig die Rolle, die ihr die Gesellschaft aufdrängt, hält Denk- und Verhaltensmuster aufrecht, die ihr schon vor 60 Jahren nicht geschmeichelt haben. Der Blick in die Zukunft lähmt – die Fülle der Möglichkeiten, die der Frau von heute zur Verfügung steht, wird ihr scheinbar immer mehr zur Last. Die Freiheit, endlich zum Greifen nah, wird geschmäht. Stattdessen zieht es die moderne Frau vor, ihre Freiheit über die Auswahl an Netflix-Serien zu definieren. Ihre Träume lässt sie, bequem vom Sofa aus, durch die fiktive Identifikationsfigur ihres Vertrauens verwirklichen. Und so redet Frau sich ein, rebellisch, individuell und unabhängig zu sein – dabei ist sie im realen Leben nur noch auf Laktose intolerant. Hat sich eine Frau je selbst so sehr verarscht wie heute?

Der Verdacht erhärtet sich, dass die Selbstverwirklichung nur noch auf den Social-Media-Profilen stattfindet – in einer Scheinwelt. Ein falsches Ich wird gehegt und gepflegt. Das grosse Erwachen folgt in 50 Jahren, wenn die vermeintlich ultracoole Grossmutter mit einer gewissen Melancholie ihre Facebook-Timeline durchscrollt. Oder folgt das Erwachen wirklich? Vielleicht bleibt die Erinnerung an das Foto anstelle der Erinnerung an das Erlebnis selbst und die alte Leier vom einst so schönen Leben wird gespielt. Was habe ich damals doch gelebt…? Oder, eben eher: Was habe ich nur geträumt zu sein?

Wir träumen nicht. Der Sturm tobt weiter, während unser Zug einfährt. Wir schenken dem lauten Eritreer noch einen letzten Becher Wein ein und verabschieden uns mit einem Händedruck und einem Lächeln aus dieser Welt.

Und die Frau? Sie blieb in ihrer Welt – online – und versuchte weiterhin verkrampft mit dem Sturm im Hintergrund ein gescheites Selfie hinzubringen. Was Holly Golightly oder Audrey Hepburn davon halten würde, können wir uns denken.

Neben der Hoffnung, dass sich Frauen wieder von den Ketten der onlinegetriebenen Selbstdarstellung lösen und sich selber treu sind, bleiben am Ende drei Fragen:

Ist Emanzipation wirklich überholt?

Sind Männer besser?

Sind wir alle am Arsch?