Disconnected

Tim hatte Cindy im Internet kennengelernt – die beiden waren nun schon seit einem halben Jahr ein Paar. Er liebte sie abgöttisch. Seit dem Montag vor zwei Wochen jedoch lag ein schrecklicher Vorfall wie ein Schatten über ihrer Beziehung: Wie immer war Tim nach der Arbeit mit dem Bus nach Hause gefahren, und wie immer waren keine Sitzplätze mehr frei gewesen. Er hatte deshalb seine Geliebte unter den linken Arm geklemmt und sich neben die stehenden Passagiere gequetscht. Irgendwie war dabei der Reissverschluss seiner Ledertasche aufgegangen, und Cindy war hinaus gefallen und scheppernd auf dem Boden gelandet. Von da an zickte sie nur noch rum. Regelmässig verweigerte sie ihm trotz mehrmaligem Betätigen des Einschaltknopfes das Hochfahren, nur um dann wieder plötzlich mitten in der Nacht den Bildschirm zu aktivieren. Vor ein paar Tagen hatte Tim den teuersten Zander am Fischmarkt gekauft, doch Cindy hatte das für sie zubereitete Menü kaum angerührt. Und das, obwohl sie Fisch liebte! Früher hatte sie oft selbst Makrelen, Forellen und Seezungen gekocht. Manchmal war der ganze Wohnblock von stinkendem Meergeruch erfüllt gewesen. Einmal hatten sich die Nachbarn beschwert, sie solle doch bitte ruhig sein. Ab diesem Moment gab es Flossengetier nur noch am Wochenende, und dann richtete meist Tim das Essen an.

Zuerst machte Cindys Verhalten Tim bloss traurig. Er hatte Schuldgefühle, weil er sie im Bus hatte fallen lassen. Doch je länger er Cindy nicht mehr richtig bedienen konnte, desto wütender wurde er. Tim liebte seine Freundin noch immer sehr. Dennoch ertappte er sich des Öfteren dabei, wie er mit anderen Frauen flirtete. Da war dieses Mädchen aus Plastik im Baumarkt. Stets machte es ihm Komplimente, wenn er wieder neues Holz für den Zaun vor seinem Haus kaufen musste, weil ein paar Kinder diesen mit Graffiti verziert hatten. Und jedes Mal, wenn er mit dem Zug nach Zürich zu seiner Mutter fuhr, schien ihm der Klang des Nebelhorns ein wenig schriller zu sein.

Vier Wochen nach dem Busunglück beschloss Tim, sich von seiner Freundin zu trennen. An einem regnerischen Samstagmorgen stand er deshalb, bevor Cindy wach wurde, auf und pflanzte einen jungen Tannenbaum im Garten. Anschliessend fuhr er mit dem Fahrrad in die Innenstadt. „Der Goldhahn“ war einer der teuersten Schmuckläden des Ortes und befand sich im Erdgeschoss eines grossen Altstadtgebäudes. Da das Haus keine Türen besass (der Stadtrat hatte Häuser mit Türen im vergangenen Sommer verboten, weil sie zu viel warme Luft auf die Strassen liessen. Deshalb wurden nach und nach alle Ein- und Ausgänge der Häuser zugemauert) musste Tim das Schaufenster einschlagen, um hinein zu gelangen. Drinnen wurde er freundlich von einem älteren Herrn mit Nickelbrille empfangen. Dieser händigte ihm sogleich auch den Ring aus, welchen er zuvor telefonisch bestellt hatte. Für Tim war es wichtig, bei jedem Mord gut auszusehen. Und das war jetzt schon der siebte Tötungsakt innerhalb von fünf Jahren.

Dann fuhr er zurück nach Hause. Der Tannenbaum war mittlerweile zu einer stattlichen Palme herangewachsen. Tim holte seine Axt aus dem Geräteschuppen und fällte sie. Dabei sah er aus den Augenwinkeln, wie die Kinder seinen Zaun wieder mit Farbe besprühten, doch darum würde er sich später kümmern. Aus dem Stamm des Baumes schnitzte er einen langen Speer. Anschliessend begab er sich ins Gemach seiner Liebsten und stach so lange auf sie ein, bis sie tot war. Ihr rotes Blut spritzte an die Wand und rann unter das Aquarium. Danach verbrannte er die Überreste in einem Müllcontainer hinter dem Haus. Als er in den zum Himmel empor steigenden Rauch blickte, wurde Tim für kurze Zeit sentimental. Der schwarze Dunst erinnerte ihn an seine erste Liebe, welche er bei einem Campingausflug am See kennengelernt hatte. Das war jetzt über zehn Jahre her. Doch er wusste: Es wird nicht lange dauern bis er wieder eine Freundin finden würde. Dank dem Internet geht das heutzutage ja ganz leicht. Fröhlich pfeifend schloss er den Containerdeckel und begab sich in die Küche. Dort zog er seinen Ring ab und bereitete sich einen leckeren Rotbarsch zu.