Es gibt kein Gericht

Licht an. Der Redner tritt auf:

«Meine Damen und Herren: Im Zweifel haben wir alle Unrecht… (Dramatische Pause.) Im Zweifel wissen die Amerikaner sehr genau, was sie tun. Im Zweifel gibt es keinen Klimawandel und im Zweifel sind wir für den Angeklagten.

Und dann haben sie Flüchtlingsheime in Brand gesetzt, für die Masseneinwanderungsinitiative gestimmt und Trump gewählt.
Und Sie, meine Damen und Herren, zweifeln. Zu Recht.

Sie fragen: Wer ist nun schuld? Wen kann ich an den Pranger stellen, mit Tomaten bewerfen und danach beruhigt schlafen gehen? Sind es die Medien? Ist es die Politik? Ist es das System oder ist es Gott? Oder ist es am Ende doch die Schuld von ihnen, den anderen?

Meine Damen und Herren, ich sage Ihnen: sie sind alle schuldig. (Blick ins Publikum). Auch Sie.

(Lauter.) Glauben Sie mir: Die wirkliche Unschuld, die ist uns schon lange abhanden gekommen. Sei es durch Erbsünde oder durch unser Umfeld korrumpiert. Ein Leben lang versuchen wir etwas zu erhalten, das so nicht existiert. Das Märchen vom Weihnachtsmann und dem Osterhasen ist in etwa mit jenem vom von Grund auf guten Menschen zu vergleichen. Und doch fühlen wir uns bei allen drei um unsere Unschuld betrogen.

(Ruhiger.) Doch Unschuld bedeutet Nichtwissen. Ist nichts anderes als – im besten Fall – kindliche Naivität. Nur wer nichts weiss, kann keine Meinung haben.

Halbwissen dann führt zu roten Köpfen und hitzigen Diskussionen. Der aber, der versteht, sein Gegenüber respektiert, der kann auch akzeptieren.

Und so spielt es keine Rolle, wer nun schuldig oder unschuldig ist, am Klimawandel, dem Biss in den sauren Apfel oder den Wahlergebnissen. Meine Damen und Herren: Es ist passiert. Alles was bleibt, ist verstehen zu wollen. Denn auf Verstehen folgt Akzeptanz und auf Akzeptanz kann der Aufbau folgen.»