Es ist Weihnachten und keiner freut sich

Es fängt immer mit den Nussplätzchen an. Sie füllen den Raum mit dem süss-warmen Duft weihnachtlicher Vorfreude. Selbstgemacht, frisch aus dem Ofen. Knusprig-heiss – nur ein bisschen angekokelt. Heimlich klaust du dir eines der frischen Plätzchen: Es besteht, woraus nun `mal auch Weihnachten besteht: 50 Prozent Zucker, 50 Prozent zerkleinerter Nussbrei. Mit geröteten Wangen nimmst du einen Bissen und bist dir sicher: Dieses Weihnachten wird perfekt.

Bis dir die vertrockneten Dinger am Folgetag beinahe im Hals stecken bleiben und du dich nur noch mit einem kräftigen Schluck Eierpunsch vor dem Erstickungstod und einer Konversation mit Tante Aurelia retten kannst.

Sie will schon wieder wissen, ob du denn schon ein „Schätzeli“ gefunden hast. Langsam kauend sinierst du, ob du Tante Aurelia einfach auf die Schuhe kotzen sollst oder der direkte Übergang zum Jägertee die bessere Lösung ist, entscheidest dich dann jedoch für keines von beidem: „Tut mir leid, Tante Aurelia, du musst mich verwechseln. Ich bin nicht Indiana Jones.“ Du entblösst deine Zähne. Special Effect: Die Nussreste auf deinen Schneidezähnen. „Wie geht es denn deinem lieben Gatten?“ Das Gespräch kommt hier ins stocken, denn jeder der Anwesenden weiss, dass Onkel Peter zur Zeit in Sizilien mit seiner 10 Jahre jüngeren Geliebten eine italienische Hochzeit feiert. Kein Wunder, denkst du bei dir. Die Schreckschraube hält man keine fünf Minuten aus. Kurze Zeit später hast du ein schlechtes Gewissen, hat Aurelia dir doch zu deinem neunten Geburtstag eines deiner Lieblingsplüschtiere geschenkt. Von Schuld geritten schenkst du ihr im Gegenzug einen kräftigen Schuss Rum – in ihren Pfefferminztee.

In der Zwischenzeit sind auch die letzten Reste der Familiensippe eingetroffen. Peinliche Stille entsteht, als Christoph, der alkoholsüchtige Cousin dritten Grades des Freundes deiner Schwester auftaucht, hatte man ihn doch nur mündlich eingeladen, und gehofft, er würde den Wink verstehen.

Nun, hier ist er. In all seiner rundlichen Pracht, inklusive zu knappem Weihnachtspulli. Unter fröhlichem Gemurmel und vielen Luft-Küsschen wird er begrüsst. „Das du es auch noch geschafft hast. Damit hätten wir nicht mehr gerechnet.“ Wohlwissend lächelnd antwortet Christoph nicht. Die Einsamkeit in seinem Einzimmerapartment war ihm heute Morgen zu viel geworden.

kreisch-menschen-keinerfreutsichflaschev3Sogleich wendet er sich der jungen Magda zu, welche vorsichtig an einem Muffin knabbert. Das blonde Haar hat sie sich streng nach hinten gekämmt. Eine rote Masche und ein samtiges Kleid machen ihren Festtagslook perfekt. Sie ist ein stilles Mädchen und wäre jetzt eigentlich lieber in ihrem Zimmer. Ihre Freunde auf WoW warten bestimmt schon. Doch Mutter hatte sie einige Stunden zuvor mit dem Versprechen für ein „ganz besonderes“ Weihnachtsgeschenk aus ihrem Sweater in das Kleidchen und schliesslich ins Wohnzimmer gelockt. Und so versucht sie jetzt, nicht das Gesicht zu verziehen, während Christoph, „nenn mich Onkel Chris“, ihr seinen schlechten Atem ins Gesicht bläst.

Aus Mitgefühl schliesst du dich ihrer Gesprächsrunde an und lenkst es in eine für dich interessante Richtung. Ein Fehler, wie sich herausstellt: „Diese Serben sind ja gute Arbeiter, aber haben keinen Funken Anstand in den Knochen“, lamentiert „Chris“ und erwähnt in einem Nebensatz, dass er einmal um „so eine“ geworben hat. Sie ihm jedoch einen erfolgreichen Kebap-Stand-Besitzer vorzog. Während du höflich die Augenbrauen zusammenziehst und immer dann entsetzt seufzt und den Kopf schüttelst, wenn der Mittvierziger eine bedeutungsvolle Pause macht, beobachtest du, wie deine Mutter gestresst von der Küche ins Wohnzimmer und wieder zurück rennt.

Ein lauter Knall und die Vorspeise, eine schwedisch-italienische, extrawürzige Kaviar-Fladensuppe, bedeckt den Küchenboden und einen grossen Teil des Festtagsgewandes deiner Mutter. Geschockt ruhen alle Blicke auf ihr. Einen kurzen Moment lang weiss sie nicht, ob sie nun weinen oder wütend sein soll. Sie entscheidet sich für letzteres und schreit deinen Vater an. „Warum hast du nicht aufgepasst? Es ist immer das gleiche mit dir.“ Du wendest dich gelangweilt ab. Diese Diskussion kennst du schon von letztem Jahr.
„Kann bitte mal jemand das Skript umschreiben?“, murmelst du vor dich hin, während du nach deinem nur noch halb gefüllten Flachmann greifst. Christoph zwinkert dir verschwörerisch zu und klopft stolz auf seine beiden ausgebeulten Hosentaschen.

Plötzlich erscheinen dir die trockenen Plätzchen so viel interessanter als die Gesellschaft hier. Gierig nimmst du dir den ganzen Topf, setzt dich aufs Sofa und bist kurz davor, deinen Kopf in der nussigen Süsse zu versenken.

Tante Aurelia stellt ihre leere Teetasse vor dich hin und kichert fröhlich. Die Vorspeise wird ausgelassen, man bittet zur Hauptmahlzeit. Der Tisch, zu gross für den kleinen Raum, zu klein für diese Anzahl von Gästen, ist gedeckt mit Kunstschnee, Glitzer und einigen wenigen Dingen, die essbar aussehen.

Das Essen ist wie erwartet der beste Teil des Abends. Deine Mutter hat schon vor zwei Tagen mit den Vorbereitungen begonnen. Zufriedene Stille kehrt ein, nur unterbrochen durch das eine oder andere Räuspern deines Vaters, der verlegen versucht, die Gunst deiner Mutter wieder zu erlangen.

Kurze Zeit später geht es daran, die Geschenke auszupacken. Du gibt’s dir ehrlich Mühe, dich für die selbstgestrickten Socken und das wollene Unterhemd bei Oma zu bedanken. Wer kann schon ahnen, dass du die Winterzeit hauptsächlich unter der Bettdecke verbringst? Ein Berg von Packpapier liegt neben dem Cheminée, nach dem die Kinder ihre Geschenke „besinnlich“ schnell ausgepackt haben. Und schon hört man im Hintergrund einen Weihnachtscartoon laufen. Babysitter TV kümmert sich um die überzuckerten Kinder, während sich die Erwachsenen, zu denen du nun einmal auch gehörst, über einem Glas Wein über irgendwelche Leute unterhalten. Und die Fehler lamentieren, die diese begangen haben, als sie noch lebten.
Dein Flachmann ist leer, auch, weil du Tante Aurelia nachgeschenkt hast. Sie wirkt mit geröteten Wangen und leicht schwankendem Gang einfach so viel liebenswerter.

Mittlerweile ist „Onkel Chris“ laut schnarchend unter dem Weihnachtsbaum eingeschlafen. Eines der Kinder hat ihn fürsorglich mit etwas Packpapier zugedeckt. Die fast leere Whiskeyflasche hält er wie einen Schoppen nahe beim Mund. „Schau mal, das Chris-kind“, kichert Tante Aurelia, die wesentlich weniger trinkfest ist, als von dir vermutet.

Na dann, denkst du bei dir und zuckst mit den Schultern.
„Fröhliche Weihnachten.“