Es liegt nicht an mir. Es liegt an dir.

Floskeln sind Symptome für die Dinge, die wir eigentlich sagen wollen: Wir haben Angst, mehr über das Leben des Gegenübers zu erfahren. Und wie lässt sich das am besten vermeiden? Mit Gesprächen über das Wetter, das Studium oder Abfallsackgebühren. Oder aber mit der Königin aller Floskeln: Wie geht’s? 

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Smalltalk ist wie der Typ, der seine Hand um ein Mädchen legt und dabei die Finger nicht auf ihrem Körper hat. Er versucht’s zwar, weiss aber zugleich, dass dieser Annäherungsversuch zu nichts Intimen führen wird.
Und trotzdem praktizieren wir die Floskelei unbewusst, unverschämt und täglich bei:

#Liebeskummer: „Du hast etwas Besseres verdient.“ – Hab‘ ich?
#Stress: „Da musst du jetzt halt durch.“ – Muss‘ ich?
#Partner: „Ich will ja nicht nerven, aber….“ – Tust du.
#Abendessen: „Ja Mutti, Studium läuft.“ – Wenn „läuft“ eine Metapher für „Burnout vor 25“ ist, jap.
#Sich selbst : „Ach, ich gönne mir ja sonst nichts!“ – Bekamen auch 23 Pralinen vor dieser zu hören.

Ergo sind Floskeln Dinge, die wir hören und sagen wollen, um uns nicht tiefer mit einem Thema auseinandersetzen zu müssen.
Was ist bloss aus der guten alten „mit der Tür ins Haus fallen“- Taktik geworden?
Geh mal auf verbale Tuchfühlung mit mir!
Und das gelingt nicht, in dem du mich morgens im Bus fragst, ob ich für den bevorstehenden Test bereit sei. Bin ich nicht. (Deshalb übrigens die Kopfhörer, weil ich um diese Uhrzeit prinzipiell für gar nichts ausser Koffein bereit bin, am allerwenigsten für Smalltalk.) Sprich mich besser mal auf Aliens an. Oder Sex. Oder Aliensex. Da kommen Gespräche ins Rollen: Das ist Kommunikation, die Beziehungen weiterbringt. Sie vielleicht auch verändert, vielleicht auch beendet. Aber darum geht es doch; herauszufinden, mit wem man was im Leben anstellen will.
Leider machen Floskeln auch vor unseren virtuellen Leben keinen Halt: Durch die Digitalisierung erweiterte sich die Floskel-Matrix um eine weitere, und dennoch belanglose Dimension. Was früher als Binsenwahrheiten durch Dörfer geisterte, schleicht heute über Instagram und Facebook-Timelines.
Zum Beispiel:

„Hab‘ keine Angst, Leute zu verlieren, die sich nicht glücklich schätzen, dich zu kennen.“

Recht hast du, Algorithmus, der willkürlich Weisheiten auf meinen Feed spielt! Schön, wie ich hier unterstützt werde! Jedenfalls bis ein paar Scrolls weiter unten verkündet wird:

„Jeder macht Fehler. Das Leben kommt ohne Gebrauchsanweisung.“

Na, was denn nun? Ignoranz oder Toleranz? Fehler machen oder keine verzeihen? Da kann ich ja gleich auf meine eigenen Gedanken hören, die sind etwa gleich konsequent.
Kannst mich ja mal danach fragen. Einige davon sind echt unterhaltsam.