Gib mir die Kugel

Weihnachten sieht am nächsten Morgen aus, wie ein mittelmässiger One-Night-Stand. Mit etwas Eierlikör, wenig Licht und schlechter Musik am Vorabend durchaus annehmbar: Eine Nacht nach dem Auspacken aber abgekämpft und ein bisschen billig – in seltenen Fällen dann aber doch liebenswert.

«Guten Morgen.»

«Morgen.»

«Kaffee?»

«Doppelter Espresso mit Zimt und Schlagsahne, … bitte.»

Da steht sie also, verkatert, nur mit Morgenmantel und Lametta bekleidet: Weihnachten. Noch etwas Glitzer im Haar, Russ im Gesicht und ein paar Kinderseelen im Anhang. Der letzte Abend war aufregend, um nicht zu sagen emotional. Abwechselnd habt ihr euch gesagt, wie sehr ihr euch hasst und wie sehr ihr euch liebt. Du hast ihr im Eifer des Gefechts etwas Schmuck abgerissen, sie dir eine Kugel ins Gesicht geschmissen. Das Zerbrechen des Glases hat euch beide für einen kurzen Moment innehalten lassen.

«Ist jetzt genug?»

«… ja.»

«…»

«…»

Ihr lächelt euch unsicher an. Vielleicht könntet ihr es noch einmal miteinander probieren. Kennengelernt hattet ihr euch am selben Tag an einem anderen Ort zu den Klängen von Mariah Carey und Wham! Wo und wann genau, das wusstest du schon nicht mehr. Auf jeden Fall hattest du sie in einem Anfall von glühweinender Glückseeligkeit nach Hause genommen. Hier hat sie es sich dann sofort gemütlich gemacht.

«Schön hast du’s hier.»

«Danke.»

«Ein bisschen Glitzer könnte gut an die Zimmertür passen …»

«Wenn du meinst …»

«Und Girlanden …»

«…»

«Und Sterne!»

«…»

«Und Kunstschnee, Zuckerstangen, rot-grün-gemusterte Wollsocken, Plüschdecken, Silberbesteck, glänzendes Tischgedeck.

Was schaust du so verschreckt?»

«Nichts.»

Doch irgendwie kam dir das Ganze aus dem letzten Jahr bekannt vor.