«Hallo, heute schon etwas Gutes getan?»

Panflötenspieler, Vierbeiner-Vertreter und Augenaufschlägerinnen: in dieser Jahreszeit schlagen sie besonders gerne zu. Spenden als Zeichen der Selbstlosigkeit ist einer von vielen Viren, die sich gegen Weihnachten verbreiten. Ich glaube nicht an die Selbstlosigkeit (oder den Augenaufschlag) und bin daher immun gegen beides. Vom Bahnhof zu meiner Wohnung sind es sieben Minuten Fussweg: erstaunlich viel Platz für Unterschriften-Sammler. Was für andere ein Spiessrutenlauf ist, ist für mich ein Homerun, den ich mit angriffslustigem Lächeln um die Mundwinkel laufe. Ich habe meine letzten selbstlosen Instinkte erfolgreich getötet.

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Bis zu jener kalten Herbstnacht. Ich hatte meinen Lieblingsschal um meinen Kopf gewickelt, weil meine Haare noch nass waren (Föhn kaputt, Kontostand kaputt), und stapfte eben diese Strasse zum Bahnhof. Und dann stand sie plötzlich direkt vor mir. Das alleine war schon erstaunlich – auf diese Art der sozialen Interaktion lasse ich mich normalerweise erst nach zwei «dark and stormy» oder auf der Second Base ein. Ihre Augen waren mit dunklem Kajal unterstrichen und dieser tränenverschmiert. Sie wirkte apathisch. «Haben Sie ein bisschen Kleingeld?»

Nein, habe ich nicht. Weder für den roten Mantel auf Zalando, Essen ohne Aktionskleber und weder für Drogen für dich noch für mich. «Nein, sorry, habe ich echt nicht, kein bisschen», demonstrativ hielt ich ihr mein leeres Portemonnaie unter die triefende Nase.» Und dann passierte etwas, dass ich sonst nur von mir kenne, wenn ich in den Spiegel schaue: Ich wollte helfen. «Aber nimm meinen Schal, es ist echt verdammt kalt.» Sie sträubte sich aus Höflichkeit ein bisschen dagegen, wickelte sich dann zitternd in den dicken Stoff ein. Und für einen Sekundenbruchteil blitzte Dankbarkeit in ihrem abwesenden Blick auf. Ich war zufrieden. Ich, die ganze Völker, Tierarten und Parteien in sieben Minuten Fussweg ignoriere, habe geholfen. Das sind bestimmt die ersten Anzeichen meiner Quarter Life Crisis, das geht vorbei, versuchte ich mich zu trösten. «Mach kein‘ Scheiss!», rief ich ihr noch nach.

Ein paar Tage später, unterdessen erkältet von meinem nächtlichen Ausflug (Föhn und Kontostand immer noch kaputt, Selbstlosigkeit intakt) sah ich das Mädchen in einer Gasse. Sie hatte die Arme um ihren Oberkörper geschlungen, sie zitterte. Von meinem Lieblingsschal fehlte jede Spur. Ich blickte sie an, blieb stehen, blickte sie weiter an – sie ignorierte mich gekonnt und ging an mir vorbei. That little bitch. Der Gedanke, dass mein Schal gegen Drogen, Geld oder meine Selbstlosigkeit eingetauscht worden war, liess mich schneller wieder ich selbst werden, als jeder Unterschriften-Sammler «Heute schon etwas Gutes getan?», flöten kann.

Es gibt keine Selbstlosigkeit. Gutes zu tun, und zu erwarten, dass es der anderen Person gut tut, ist alles andere als lose von sich selbst. Wir warten dabei nur auf den positiven Rebound-Effekt, der unser Gewissen beruhigt. Was allerdings impulsiv, naiv und daher echt ist: Mitgefühl. Dagegen können wir uns nicht wehren. Nicht mal ich. Oder die Person in meinem Spiegel.