Hallo. Ich lebe.

Es beginnt mit einem Schrei und hört meist ganz unspektakulär wieder auf: das Leben. Und dann? Nicht viel. Ausser du schaffst es, irgendwo zwischen Anfang und Ende, deinen Namen unsterblich werden zu lassen. Und wenn du es wider Erwarten nicht schaffst, dir selbst ein Denkmal zu setzten, ritzt du deinen Namen eben einfach in das eines anderen.

Selfie vor dem Fernsehturm, Selfie vor der chinesischen Mauer, Selfie vor dem Holocaust-Denkmal oder einfach nur: Selfie. „Ich war hier!“, schreien uns jeden Tag unzählige Bilder auf Facebook und Instagram an. Und schon seit hunderten von Jahren verewigen Menschen ihre Namen auf Gebäuden und Sehenswürdigkeiten. Ein Wikinger soll der erste gewesen sein, der in der Hagia Sophia eine Nachricht (welche in etwa „Halfdan war hier“ lautete) hinterlassen hat. Rund 900 nach Christus. Toll gemacht Halfdan. Ganz, ganz toll.

Der schlitzohrige Wikinger hat etwas getan, was uns Menschen im Blut zu liegen scheint. Das beweisen Initialen an Bäumen und unzählige Tags an öffentlichen Gebäuden: Er hat seinen Namen verewigt und so seine Existenz für die Nachwelt festgehalten. Und auch ein bisschen sich selbst bestätigt.

Während ich mein Dasein mehrheitlich durch Schreiben rechtfertige, lassen sich Dank dem Digitalen Zeitalter immer neue Art und Weisen finden, um zu beweisen: Ich bin da, ich existiere – nehmt mich verdammt noch mal wahr!

In der Masse von immer mehr Menschen (sind es schon 8 Milliarden?) wird es immer schwieriger, herauszustechen. Eitelkeit und der Wunsch danach, mehr zu sein als die anderen, eint uns wohl alle. Wenn nicht intelligenter, dann wollen wir wenigstens schöner, verrückter, männlicher sein. Klar, dass sich diesen Luxus vor allem wohlständige Westeuropäer leisten. So auch ich.

Ich gehe davon aus, dass ich so einzigartig bin, wie eine Schneeflocke, und die Welt auf mich gewartet hat. Das müssen Chef, Kollegen und die intellektuelle Elite nur noch erkennen. Pulitzer-Preis, ich komme. Bis es so weit ist, gebe ich mich ein bisschen intellektuell. Ab und zu ein Fremdwort kann auch nicht schaden. Supercalifragilisticexpialigetisch.

Und während ich mich so einzigartig und talentiert fühle, ist mir doch irgendwie klar, dass es in diesen Milliarden von Menschen Millionen gibt, die genau das selbe tun – und vielleicht noch besser. Das macht Angst.

Ironischerweise ist es diese Angst, die mich antreibt, immer mehr zu schaffen. Ich möchte besser werden, mich weiterentwickeln und so vielleicht irgendeinmal wirklich aus der Masse herausstechen. Wenn ich nur oft und laut genug schreie „Ich bin hier!“, muss es ja jemand merken, oder? Am Ende kann ich auch einfach meinen Namen in ein Denkmal ritzen. Da bleibt er vielleicht wie bei Halfdan für 1000 Jahre dran. Wäre schon ‚mal ein Anfang.

Und auch wenn es jetzt total egozentrisch und Generation Y ist, von mir auf andere zu schliessen, habe ich die Hoffnung, dass es da draussen Menschen gibt, denen es genau so geht. Oder sollte ich in diesem Punkt etwa einzigartig sein?