Handy-Disco-Strobolight

„Du hast -1- neue Nachricht“

und schon geht der Puls wieder hoch.
Push-Nachricht, Kalender-Erinnerung, Putin ist tot
und Janine hat sich gerade verlobt.
Das ist noch lange nicht genug.
Schreib, poste, teile der Welt mit, dass du eine Meinung hast
– und nicht im digitalen Sumpf versinkst.
„Online“ will alles Wissen.
Unklar bleibt, wer von wem abhängig ist.


 

Ja, es ist ein Fluch und auch ein Segen:  Dank dem Internet haben wir Zugang zu allen Informationen dieser Welt. Und Dank dem Smartphone rund um die Uhr, von überall. Sich selbst informieren und eine eigene Meinung bilden war noch nie einfacher – aber auch noch nie schwieriger.

„Das Universum sieht aus wie ein Donut“, sagt Alexi Starobinski. „MMMMmmmm, Donuts“, sagt darauf Homer Simpson.
„Bitte nur glutenfrei“, gibt darauf Martha M. aus Z. zu bedenken.

Aufklärung! Informationsfreiheit! Strahlende Idole, die uns aus dem 17. Jahrhundert entgegenlächeln. Doch erst jetzt, wo wir auch jeden Gedankengang von Hans und Heidi kennen, merken wir: Die Realität ist um einiges komplizierter, wenn man alle Variablen mit einberechnen will.

Denn Informationsfreiheit bedeutet auch, dass es auf eine Frage viele Antworten gibt. Und keine ist wirklich falsch, keine wirklich richtig. Vor lauter Möglichkeiten flüchtet der Mensch daher oftmals in einen frühkindlichen Reflex: Er verweigert die Informationsaufnahme. Und beschränkt sich auf ihm bereits bekannte Quellen. Die Folge: Eine personalisierte Timeline nur noch News, die mich „wirklich“ interessieren.

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Aber auch dann noch: Die Push-Nachrichten (der sorgfältig ausgewählten Lieblings-Nachrichten-App), die Whatsapp-Messages (nur von Freunden und Familie), die Facebook-Einladungen (an dieses Konzert wollten wir doch schon immer mal gehen), Instagram-Markierungen (haha, genau so!), Geschäfts-Mails (Sag mal, kannst du am Sonntag arbeiten?), Werbeanrufe (Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen!), Pop-Up-Fenster (Achtung ihr Mac ist mit Viren verseucht!), LinkedIn-Anfragen (Wir kennen uns doch von früher), Youtube-Vorschläge (Weisst du noch, wie du mit 14 Jahren auf diese koreanische Band standest? Hier ein neues Video von ihnen!) – sie enden nie.

Ausser man greift zu fast schon ketzerischen Mitteln: Einem Bekannten von mir hat es – ehrlich wahr – eines Tages gereicht. Aus Wut und schierer Überforderung hat er sein damals nigelnagelneues iPhone 4 auf dem Boden zertrümmert. Seit her, das hat er mir versichert, lebt er ein besseres, entspannteres Leben. Leider haben wir keinen Kontakt mehr – die sporadische Kommunikation über E-Mail funktionierte nur eine Weile lang gut.

Ich persönlich nehme mir jetzt erst mal vor, ein paar Sperrstunden einzurichten. Denn ganz normal finde ich das nicht, wenn mein Puls plötzlich in die Höhe steigt, sobald ich meinen Handybildschirm ansehe und mir beinahe schlecht wird, beim Gedanken an das, was ich verpasst habe und was mir noch bevorsteht. Zwei Stunden am Tag also kein Internet, kein Smartphone, kein Computer, das nehme ich mir vor. Vielleicht ein ehrgeiziger Plan, aber ganz ehrlich, lange halte ich dem Informationsdruck sonst wohl nicht mehr stand. Irgendwann würde auch bei mir die Sicherung durchbrennen und mein Smartphone in einem hohen Bogen die ewigen Jagdgründe segnen. Aber keine Angst, bevor es so weit kommt, wechsle ich brav meinen Status auf „offline“. So verschwinde ich dann doch nicht ganz aus eurer Onlinewelt.