Ich bin ein Masterbrain!

Nichts ist so wirkungsvoll wie Selbstüberschätzung: Man macht sich selbst Mut und erweckt bei Arbeitskollegen und Kommilitonen den Eindruck dass man, naja, tatsächlich alles schaffen kann. Doch leider ist dieses Gebilde aus sozialem Druck und heisser Luft zerbrechlich.

Selbstüberschätzung und Unsicherheit gehen Hand in Hand – zumindest ist das bei mir so. An einem Tag bewerbe ich mich als 18-jährige für ein Praktikum bei der NZZ, am nächsten warte ich mit viel Herzklopfen auf die Meinung einer Schulfreundin zu einem meiner Texte. Und nachdem ich bei einem Bewerbungsgespräch voller Überzeugung gesagt habe: „Klar, ich kann das“, bin ich am ersten Arbeitstag zwei Stunden früher aufgestanden und habe geflissentlich mein Mantra vor mich hin gemurmelt: „Ich kann das, ich kann das, ich kann das.“ Mein Ego musste mich erst noch überzeugen.

Wenn ich bei meinen Einblicken ins Berufsleben etwas gelernt habe dann, dass ich mir meine Unsicherheit nicht eingestehen darf. Und noch viel weniger darf ich sie gegen aussen zeigen. Denn: Wer unsicher ist, wirkt auf andere weniger kompetent. Wer sich hingegen immer im besten Licht darstellt, fast schon mit seinen Fähigkeiten prahlt, wird automatisch als erfolgreicher und fachkundiger eingeschätzt.

Zum einen reagieren wir mit Selbstüberschätzung auf sozialen Druck, zum anderen ist es auch ein Mechanismus in unserem Hirn der uns sagt: „Erfolg: Das haben wir ganz alleine geschafft. Misserfolg: Die Dozenten, SVP-Wähler und Bologna sind schuld.“ Ich kann dich also beruhigen: Selbstüberschätzung ist menschlich. Es ist total normal, dass du dich für intelligenter, besser und schöner hältst, als den Rest der Welt. Und es ist gesund. Tatsächlich haben Menschen, die sich selbst wirklichkeitsgetreu einschätzen scheinbar einen Hang zu Depressionen.

Na, dann machen wir ja alles richtig.

Haha. Erwischt. Das ist eben das Ding mit der Selbstüberschätzung.

Denn bei allem Verkaufsflair, das man bei einer Bewerbung, im Arbeitsalltag und wohl auch in den Sozialen Medien an den Tag legen muss, birgt Selbstüberschätzung auch so seine Risiken. Halbwissen wird, durch den Drang sich keine Blösse zu geben, als Tatsache dahingestellt, das eigene Vorgehen womöglich zu wenig hinterfragt.

So vergesse ich dann gerne auch, dass ich zwar ganz gut schreiben kann, ich aber bei zu wenig Schlaf und schlechter Laune kaum einen grammatikalisch richtigen Satz zu formulieren vermag. Und wenn das in meinem Fall vielleicht, ausser ein paar weiteren schlaflosen Nächten, nur wenig Konsequenzen hat, sind zum Beispiel sich selbst überschätzende Manager oder Ärzte (und ihre Kunden) ganz anderen Risiken ausgesetzt.

Aber was ist nun besser? Unsicherheit zeigen und dafür einen weniger prägenden Eindruck hinterlassen? Oder mit selbstbewusst gebleichten Zähnen in den Spiegel schauen und sagen „yes, we can.“?

Ich bin gespannt auf eure Meinung.