Ich, der Fischvogel

Ich bin weder Fisch noch Vogel. Ich bin irgendwas dazwischen. Vielleicht bin ich halb Fisch, halb Vogel? Ein Fischvogel. Komische Konstellation. Kann ich fliegen oder nur schwimmen? Esse ich Würmer oder Algen? Oder vielleicht doch beides? Es ist nicht ganz einfach zu erklären.

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Darum beginne ich ganz am Anfang.
Mein Urknall: Ich bin irgendwann, irgendwo im Kosovo geboren. Vielleicht als Fisch, vielleicht als Vogel. Man gab mir den Namen Mërgim, was „der Reisende“ oder ganz einfach „Ausländer“ bedeutet. Ich habe mit meiner Mama im Nirgendwo gelebt, jedoch nicht wirklich lange. Mein Dad hat in einem anderen Irgendwo in der Schweiz gelebt. Später, nach 365 Tagen hat meine Mama entschlossen, den Schritt in die Schweiz, der Liebe hinterher, zu wagen. Hier wurde ich also zum Fischvogel. Ich verliess den Kosovo, meine Heimat, und landete in der Schweiz. Ich machte ganz unbewusst einen Spagat. Einen Spagat zwischen zwei Kulturen, zwischen zwei Mentalitäten, zwischen zwei Sprachen. Einen Spagat, der mich zu Beginn meiner Jugend in eine ewige Identitätskrise stürzen lies. Ich stellte mir tausende Fragen:

  • Bin ich Fisch oder Vogel?
  • Höre ich lieber Shyrete Behluli und Mahmut Ferati oder doch Polo Hofer und Golä? Esse ich lieber Fondue und Rösti oder doch Fli und Pite?
  • Spreche ich zu Hause Albanisch oder Deutsch?
  • Glaube ich an Allah oder Jesus oder doch an das Spaghetti Monster?
  • Wo fühle ich mich wohler? In der Schweiz, einer Leistungsgesellschaft, wo ich vielleicht mit fünfzig Direktor einer Bank sein werde, aber keine Frau und dafür zehn Katzen habe, weil ich die Karriere der Familie vorgezogen habe? Oder doch im Kosovo, wo Familie an den ersten dreissig Stellen steht? Die Familie steht sooooooooooo dermassen an erster Stelle, dass man die Eltern nicht in ein Altersheim steckt und mit ihnen zusammen lebt, bis sie ins Gras beissen (Ja, auch wenn man verheiratet ist).
  • Wie erkläre ich meinen Schweizer Freunden, nach meinem Sommerurlaub im Kosovo, dass ich geheiratet habe, ohne diese Frau gekannt zu haben?
  • Bin ich, wenn die Schweiz gegen Albanien spielt, für Albanien oder die Schweiz? Oder spielt es keine Rolle, da sowieso die Albaner gewinnen, weil es im Schweizer Team so viele von uns hat?
  • Nenne ich meine Kinder Tim und Martina oder doch Atdhe und Vjosa? Will ich meine Kinder für Ihr ganzes Leben bestrafen, weil kein Lehrer je ihren Namen richtig aussprechen wird?
  • Bin ich stolz, Albaner zu sein, oder schäme ich mich, weil die Medien uns durch den Dreck ziehen und alle ein schlechtes Bild von uns haben?
  • Bestätige ich die Klischees oder bin ich die Antithese?

Ich sage dir, es ist nicht ganz einfach, als Fischvogel durch die Welt zu gehen, zu fliegen oder zu schwimmen. Zu Beginn versuchte ich meine Herkunft zu leugnen und versuchte inkognito zu leben. Eine Art Doppelleben. Ich hatte Angst, von den anderen Vögeln oder Fischen ausgeschlossen zu werden, wenn ich den Doppelkopfadler auf meinem T-Shirt trug und mich somit als Fischvogel outete. Ich dachte, das Inkognito Leben würde alles einfacher machen.

Zuhause musste ich Albaner sein. Ich ass albanisches Essen, hörte albanische Musik und sprach auch Albanisch. Ausserhalb meiner vier Wände wurde ich aber zum Musterschweizer, der perfekt Deutsch sprach, der die Schweiz liebte. Mehr als alles andere. Ich versuchte mit diesem Getue meine zwei Ichs zu trennen. Mein Leben zu Hause und mein Leben ausserhalb meiner Wohnung. Um zum noch perfekteren Schweizer zu werden, mied ich albanische Freunde. Warum sollte ich auch welche haben? Alle Albaner sind kriminell und nicht integriert. Ich sprach sogar mit meinen Eltern fast nur Deutsch, um auf gar keinen Fall dem Jugoslang zu verfallen.

Ich habe im Geschichtsunterricht so gut aufgepasst und die Schweizer Geschichte so gut auswendig gelernt, dass ich vom Rütlischwur träumte und manchmal das Gefühl hatte, dass ich selber dabei war. Ich wollte der perfekte Schweizer sein und beantwortete die Frage, ob ich integriert sei, immer mit: „Ja, natürlich, Uri Schwyz und Unterwalden haben sich 1291 auf dem Rütli ewige Treue geschworen und sich versprochen, dass Sie keine fremden Richter mehr akzeptieren.“
Mein Gegenüber war baff und ich schon bald ein Markus. Ich wurde immer mehr zum Schweizer. Ich legte nach und nach meine wahre Identität ab, meine Mutation war bald vollbracht. Ich war sogar schon so schweizerisch, dass ich selber Vorurteile gegenüber Albanern hatte. Die Gesellschaft trichterte mir ein, dass Albaner böse, dumme, gewalttätige Sozialbetrüger und/oder Raser sind.

Irgendwie hat das Inkognito Leben aber nicht funktioniert. Ich sah zu südländisch aus. Auch mein Name verriet mich immer. Ich war ganz einfach der Shipi. Ich fand nie wirklich den Anschluss an die Schweizer um mich herum.

Einmal im Jahr ging ich in den Kosovo in den Urlaub und beantwortet die immer wieder gestellte Frage, ob es in der Schweiz oder im Kosovo schöner sei, mit Schweiz. Alle schauten mich komisch an. Ich wurde also selbst an meinem Geburtsort zum Ausländer. Ich war im Dilemma und war selber daran schuld. In der Schweiz war ich der Jugo und im Kosovo war ich der Schweizer. Ich bin also, egal ob in der Schweiz oder im Kosovo, der andere, der Fischvogel, der Ausserirdische. Mir ist jetzt klar, wieso Ausserirdische die Erde meiden. Dieses Doppelleben fühlte sich oftmals falsch an. Aber ich dachte mir, dass ich ja eine Lehrstelle bei einer Bank haben will, und das schwierig sein wird mit meinem Jugonamen. Daher integrierte ich mich viel, viel mehr als alle anderen; so dass wenigstens mein Wissen und mein Benehmen schweizerisch waren, auch wenn ich nicht so aussah.
Irgendwann kam mein Drang danach, mich für meine Schweiz einzusetzen. Meine Schweiz mitzugestalten. Ich dachte, dass ich für dieses Engagement so schweizerisch wie möglich sein müsste. Ich las immer sehr viel und alles interessierte mich. Ich versuchte, mich auf eigene Faust weiterzubilden.

Cogito ergo sum

„Ich denke, also bin ich“ . Einen Satz, den ich mal in der Schule gelesen habe. Ich grübelte wochenlang an diesen Worten und deren Bedeutung. Ich fing an zu denken, kritisch zu denken. Ich fing an, meinen, sehr, sehr kleinen Horizont zu erweitern. Im Nachhinein kam es mir vor, als hätte ich erst ab diesem Zeitpunkt gelebt. Vorher hatte ich Erzähltes geglaubt ohne es zu hinterfragen. Jetzt weiss ich, dass das falsch war. Es ist falsch, in Schubladen zu leben und zu denken. Es ist falsch, Klischees am Leben zu erhalten. Niemand sollte seine Herkunft leugnen und vergessen. Im Gegenteil: Er sollte sogar stolz sein und diese lieben. Heute weiss ich, dass mich gerade meine Herkunft zu dem Mann gemacht hat, der ich bin. Ich arbeite bei einer Bank und studiere. Schlage keine Frauen und fahre keinen BMW, habe mit 23 nicht mal den Führerschein gemacht. Ich stehe mit beiden Beinen im Leben. Ich bin froh, Albaner zu sein, dieser Kultur anzugehören und auch wie einer auszusehen.

Nach meinem Assimilationstrip hatte ich viel nachzuholen. Ich setzte mich mit meiner Herkunft auseinander. Las über die Geschichte meines Volkes. Der Rütlischwur und der Schweizer Reformationskrieg wurden nach und nach von Gjergj Kastrioti (albanischer Nationalheld, der uns vor den Türken verteidigte), Gjakova (Geburtsort), Ibrahim Rugova (erster Präsident des Kosovos, der den Kosovo ohne Krieg zur Unabhängigkeit führen wollte) und dem Kosovokrieg in den Hintergrund verdrängt. Ich hörte viel mehr Mahmut Ferati als Golä. Ich ass viel mehr Fli und Pite als Fondue und Raclette. Ich wurde immer mehr zum Albaner. Ich liebte und liebe es 30 Stunden im Stau zu stehen, um von der Schweiz zu meinem Geburtsort zu gelangen. Mit meiner Familie während der Fahrt albanische Musik zu hören und mir hundertmal die gleichen Geschichten meiner Eltern anzuhören. Wie sie im Kosovo gelebt hatten, dass ihr Schulweg mindestens zwei Stunden dauerte, sie dabei drei Berge und fünf Flüsse überquerten und gegen zwei Bären kämpfen mussten. An der Grenze im Kosovo angekommen, stieg und ich aus dem Auto und küsste den Boden. Wenn die Frage kam, ob es mir in der Schweiz oder im Kosovo besser gefalle, antwortete ich immer, dass beide Länder ihre Vorzüge hätten. Als der Urlaub vorbei war, heulte ich, wenn wir die Grenzen meiner Heimat verliessen. Ich sehne mich Tag für Tag nach dem Boden meiner Heimat, nach dem geschmeidigeren Leben im Kosovo. Sehne mich nach den langen Sommernächten draussen im Hof mit der Familie. Dieses Gefühl wird ein in der Schweiz lebender und geborener waschechter Schweizer NIE verstehen. Ich bin wirklich stolz darauf, ein Albaner zu sein. Mein Genmaterial wird nie eidgenössisch sein und das will ich auch gar nicht. Man sollte das auch gar nicht wollen. Jeder, der in der Schweiz lebt und seine Wurzeln im Ausland hat, sollte diese nie vergessen und genau auf diese Wurzeln stolz sein.

Mein „Back to the roots“-Trip heisst aber noch lange nicht, dass ich ein schlechter Schweizer bin. Auch mit ausländischen Wurzeln kann man ein guter Schweizer sein. Ich bin davon überzeugt, dass das eine das andere nicht ausschliesst.
Ich bin dankbar, dass man mir in der Schweiz die Chance auf eine gute Ausbildung gegeben hat. Aber ohne meinen albanischen Ehrgeiz und ohne meine albanische Familie wäre ich nie so weit gekommen. Die Schweiz war mir eine gute Starthilfe, um laufen zu lernen. Aber das Rennen habe ich mir selbst beigebracht. Sich vollkommen zu assimilieren ist auf jeden Fall falsch. Das bringt gar nichts. Denn auch über die Schweizer gibt es negative Klischees. Um nur eines zu nennen:

Schweizer lieben ihre Haustiere mehr als ihre Familie.

Das Schicksal hat der Schweiz nun mal den Multikulti-Stempel aufgedrückt. Dies kann man nicht ändern. Wir sollten uns damit abfinden und das Positive sehen. Die Schweiz hat sehr viel von der Migration profitiert. In den Achtzigern unterstützen Albaner, Italiener und Portugiesen als Saisonniers den Bauboom in der Schweiz. Und seit dem letzten Jahrzehnt spricht praktisch kein Arzt und keine Krankenschwester mehr Schweizer – sondern Hochdeutsch. Einige Schweizer machen es sich einfach. Wenn die Schweiz Ausländer braucht, um irgendwelche Tunnels zu bauen oder Krankenhäuser mit Fachkräften zu besetzen, sind sie mehr als willkommen. Sobald diese aber ihren Job vielleicht besser machen als die Schweizer, läuten die Alarmglocken von Herr und Frau Bünzli.
Ich finde genau diesen Aspekt falsch. Lasst uns alle gleichgestellte Bürger dieses Landes sein. Lasst uns alle Schweizer sein. Ohne irgendwelche Schubladen, Absplitterungen und Stammbaumquatsch.
Es spielt keine Rolle, von wo der Urgrossvater deines Urgrossvaters ist. Wenn du hier lebst, hier zur Schule gehst oder hier arbeitest und deine Freunde Schweizer sind, dann bist du meiner Meinung nach Schweizer. Nicht Secondo oder oder sonst was. Schweizer.
Wir müssen die Klischees ablegen, denn nicht jeder Albaner ist ein Schläger, Raser oder dumm. Genauso wenig, wie alle Schweizer langweilig im Bett, Spiesser oder überpünktlich sind. Oder jeder Inder nach Curry riecht und ein IT Freak ist. Hört auf so zu denken. Es ist falsch. Ich kann mich nur wiederholen. Die SBB Züge kommen fast jeden Tag zu spät? Sind deswegen alle Schweizer unpünktlich?

Das soll jetzt nicht ein Liebeslied an den Multikulti der Schweiz sein. Und auch keine Aufforderung, der SP beizutreten. Ich habe es einfach satt, dass man mich aufgrund meiner Herkunft fragt, ob ich integriert bin oder nicht. Die Frage ist: Was heisst Integration überhaupt?
Bist du hier zur Schule gegangen, hast du hier studiert, und sprichst du einwandfrei Deutsch? Toll. Ich auch. Dann sind wir wohl beide integriert. Schweizer, Ausländer, Secondo, Tricondo, Eidgenosse, Asylant?
Hupets?
Mensch ist Mensch. Egal, von wo er kommt. Diese ewige Diskussion nervt mich. Jedem Bünzli aus dem hinterletzten Kaff im Graubünden ist klar, dass die Schweiz multikulti ist.

Es ist wirklich nicht einfach, weder Fisch noch Vogel zu sein. Dieser Spagat hat mir ziemlich lang Mühe und Schmerzen bereitet. Zwischen zwei Nationen zu stehen, war nicht einfach und ist es manchmal immer noch nicht. Aber jetzt beherrsche ich den Spagat einwandfrei und ich bin ein Fischvogel. Ein Fisch, der schwimmen und fliegen, der einwandfrei Deutsch und Albanisch spricht, der Pite und Rösti zubereiten kann, der im Kosovo und in der Schweiz zuhause ist. Beindruckend, nicht?