Im Zuge der Einsamkeit

Es hat Platz für vier, doch nur zwei setzen sich. Peinlich berührt versucht ein jeder dem Blick des anderen auszuweichen. Sorgsam bedacht, nur ja nicht aufzufallen, schlägt der eine eine Zeitung auf, der andere starrt stur auf sein Handy. Der andere könnte ja denken, man sei nicht beschäftigt, hätte nichts zu tun – oder schlimmer – man wolle ihn in ein Gespräch verwickeln.

In der eigenen kleinen Privatsphären-Blase dreht sich währenddessen die Welt weiter. Sei es das Katzenvideo, oder der kritische Artikel über die Politik Putins – den man vielleicht gerade liest, weil er einen ein bisschen gebildet wirken lässt – das eigene Tun wird durch die Gegenwart eines Fremden scheinbar nicht unterbrochen.

Dabei ist dem einen schon beim Hinsetzen das Pfadfinderabzeichen an der Aktentasche des anderen aufgefallen – war er doch selbst auch lange Pfadfinder gewesen. Leicht ziehen sich seine Mundwinkel nach oben, vergessen ist das Katzenvideo, erinnert er sich doch nun an die Streiche, die er und seine Kameraden dem Gruppenleiter gespielt hatten. Doch sofort verschwindet das Lächeln wieder – der andere könnte ja denken…

Sein Gedankenstrom wird von einem wütenden Aufschrei unterbrochen: „Ich habe gesagt RUF-MICH-NICHT-AN!“, quietscht die Dame von gegenüber in ihr Telefon, um es dann schwungvoll in eine verdächtig verbrauchte Prada-Tasche zu werfen. Nach einem kurzen Moment der Stille sackt sie schluchzend in sich zusammen. Wortlos reicht ihr jemand ein Taschentuch. Zeitungen rascheln, scheele Blicke werden über den Rand der Sitze geworfen.

Mit wem sie wohl geredet hat? Vielleicht ein ehemaliger Geliebter, der Vater oder eine beste Freundin, die ihr Vertrauen missbraucht hat? Sie beantwortet die stummen Fragen nicht, ringt nach Fassung und versinkt weiter in ihre Ecke hinein, als ob sie sich vor den Blicken der anderen zu schützen möchte.

Die Blase ist geplatzt. Die Folge ist eine Kettenreaktion von Unbehagen. Plötzlich wird einem bewusst: So fremd, wie man es gerne wäre, ist man sich nicht. Ist die Dame doch zur selben Zeit, am selben Ort zugestiegen – und tut sie das seit nunmehr mehr als zwei Jahren in werktäglicher Regelmässigkeit. Gut möglich, dass man gemeinsame Freunde hat, oder die Eltern sich kennen. Einmal – daran erinnert man sich jetzt – hat man sie in der Stadt gesehen und ihr wohlwollend zugelächelt. Dasselbe jetzt zu tun scheint unmöglich. Und je länger die Stille anhält, desto undenkbarer wird eine verständnisvolle Geste. Sich jetzt noch als Wohltäter oder Heilige hervorzutun, das möchte man nicht. Die anderen könnten ja denken…

Weiter hinten popelt derweil ein Mann in Overall unberührt in seiner Nase. Doch bevor eine ältere Damen dazu ansetzt, ihn zurechtzuweisen, unterbricht eine verzerrte Männerstimme die Stille: „Meine Damen und Herren, wir erreichen pünktlich die Endstation. Das Zugteam der SBB bittet alle Reisende auszusteigen und verabschiedet sich.“