Jeder kann alles (ausser Leopardenprint) tragen.

Vor dem zweiten Weltkrieg hat Coco Chanel das kleine Schwarze in unsere Leben gerufen. Es wandelte sich, interpretierte sich stets neu. Und dann wurden der Wäschetrockner und der Kniebeugen-Wahn erfunden; der knappe Stoff klammert sich seither verzweifelt über unsere primären Geschlechtsmerkmale, nur noch nostalgisch motiviert, sie überhaupt zu verdecken. «Sexy» im Fachjargon. Eins von vielen Klischees, in das wir uns zu zwängen versuchen.

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Stehend siehst du blendend aus. Und sitzend: wie ein Cheeseburger. Und nicht der geschmackvolle aus der Werbung, sondern der echte. Es quillt und zwickt, wenn du Essiggürkchen unter deinem Shirt verstecke würdest, wäre jetzt der Moment, sie rauszuholen. Das sieht nicht schön aus. Das weiss man doch von… ja von wo eigentlich? Vom gleichen Ort, wo Sätze wie «Das kann nicht gut gehen, der trägt Adidashose » und «Ich finde es ja super, das du dich traust, das zu tragen» stammen. Nein, nicht aus den Medien, sondern aus der Abteilung «Besserwissen ist Besserfühlen». Und die gibt es, seit wir Körperbehaarung gegen Textil getauscht haben. Fakt ist: Kleider machen Schubladen.

Und manchmal schauen wir über unseren sicheren Schubladenrand hinaus und basteln uns Gebrauchsanweisungen für soziale Interaktionen. Rote Sneakers und V-Neck: Wird dir kein Frühstück kaufen. Und auch keinen Ring. New Balance Turnschuhe und verschieden farbige Socken: Studiert etwas Kreatives. Bändchen um den Hals: Ist nicht wie die anderen Mädchen. (Das ist übrigens auch ihr morgendliches Mantra vor dem Spiegel.) Pullover mit Tierprint und Crocs: Verhütet. Rund um die Uhr.

Evolutionstechnisch ist das riskant. Wenn sich nur noch Nike Air und Nike Air paart, landen wir in einem modischen Inzestkreis, der schwer zu durchbrechen ist.

Survival of the fashionest: Homogeneres Genmaterial gibt’s nur in griechischen Mythologien.

Ich lasse mich in meiner Garderobe ja nicht so sehr durch andere beeindrucken. Und würde gerne behaupten, dass das mit meinem unabhängigen, feschen Stil zu tun hat. Hat es nicht. Meine Morgenroutine von stabilen drei Minuten und meine unstabilen monatlichen Ausgaben für überteuerte Snacks kreieren meine ganz eigene Mode – eine Mischung aus Secondhand, Zalando-Sale und Muttis Kleiderschrank aus den Neunzigern. Denn mein Stil besteht zu einem grossen Teil daraus, zu Hause unter der Bettdecke im fleckigen T-Shirt neue T-Shirts zu bestellen.

Vielleicht ist der Drang, sich in Schubladen zu packen, ein adoleszenter. Halt bis wir uns gefunden haben. Dachte ich. Und wartete darauf, aus meinen Kinderschuhen zu wachsen. Aber ein Blick in die Zukunft verrät, was uns da erwartet: Filz und übermotivierte Turnschuhe, Trekkingjacken und der Glaube, dass Karohemden irgendwann mal Trend waren. Und ehe wir uns versehen, finden wir uns plötzlich in beigen und cremigen Tönen wieder, sagen so Dinge wie: « Wieso kaufst du dir kaputte Hosen?» «Willst du da nicht noch Strumpfhosen drunter anziehen?» «Zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben.»

Falls das bedeutet, dass Stil immer nur Fassade ist – würde das auch bedeuten, dass der Dresscode der ehrlichen und echten Menschen aus Kleidern besteht, die es auf keinen Modeblog schaffen. Der Typ mit der schlecht sitzenden Hose könnte das Herz am rechten Fleck sitzen haben. Und der Frau, die sich partout weigert, etwas über ihre Leggins anzuziehen, ist es vielleicht einfach egal, was der Rest über ihre Cellulitis denkt.

Bleibt eigentlich nur noch eins zu klären: Wozu habe ich dann bitte die Strapazen einer Online Stil Beratung auf mich genommen? Damit ich mich am Ende doch als Mensch mit eigener Persönlichkeit beweisen muss? Fast schon ein Grund zum Frust-Shoppen. Irgendwas dunkles, aber mit Schlitzen an den Hüftknochen. Voll individuell. Und passt gut zu meinem schwarzen Halsbändchen.