Kein Lächeln sagt auch mehr als tausend Worte

Ein Lächeln gehört in der Schweiz zum System der Gutbürgerlichkeit. So wie das Rösti essen, Vortritt lassen und KV-Lehren abschliessen. Du lächelst, wenn dir die Verwandten Socken schenken, wenn der Dozent „Guten Morgen“ verspricht und wenn dich die Verkäuferin im H&M mehr ignoriert als bedient. Das gehört sich in unseren Breitengraden einfach so. Dachte ich.

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Eines besseren belehrt wurde ich kürzlich auf offener Strasse. In meinem Outfit aus schwarzer Kleidung und meinen ausschliesslich positiven Absichten habe ich mich getraut, eine Frau anzulächeln, die in meine Richtung blickte. Sie empfing mein Signal und erwiderte mit einem gezischten: „Miststück“.
(Entweder das, oder sie sagte „Frühstück“, aber bleiben wir realistisch.)
Offensichtlich sagt ein Lächeln mehr als tausend Worte. Ich wusste nur nicht, dass ich keine Kontrolle über den Inhalt habe und dieser negative Gefühle katalysieren kann.

Aber nicht nur der Vorfall mit der Dame in der Fussgänger-Zone machte mich stutzig. Neulich unterhielt ich mich mit einem Studenten, der aus Angola kommt und jetzt in England wohnt. Im Gespräch kommentierte er seine ersten Begegnungen mit uns Europäern etwa so:

„Ich verstehe das nicht, ihr Europäer lächelt euch auf der Strasse einfach an.“This little awkward smile, you just press your lips together!“ Wo ich herkomme, tut man das nicht einfach so. Ich würde mich provoziert fühlen, wenn mich jemand über die Strasse so anlächeln würde. Du brauchst gar nicht zu lachen, Anna, du bist genau so eine!“

Ja, erwischt, bin ich. Und bis jetzt dachte ich immer, das sei etwas Gutes. So was, das einem die Eltern mitgeben und man versucht durchs Leben zu ziehen. So wie zuckerfreien Kaugummi.

Wie kommt es dann, dass das ursprünglichste aller Zeichen von Zuneigung, Freundlichkeit und Wärme als „Die ist bestimmt ein Miststück“ interpretiert werden kann? Oder sich das Gegenüber gar provoziert fühlt?
Etwa, weil wir befürchten, dass uns jemand seinen unkaputtbaren Optimismus ins Gesicht schmieren will?
Zugegeben: Diese Leute mag auch ich nicht. Normalerweise verstecken die sich aber nicht hinter einem Lächeln, sondern in Projektarbeiten, Zumba-Trainerinnen und Hausmitteln gegen Durchfall.

Aber ein Lächeln? Bei Kindern kommt das ja auch immer gut an. „Schau mal, wie süss sein letzter Milchzahn im zerfransten Zahnfleisch thront!“ Niemand würde ihm vorwerfen, dass er mit seinen glänzenden Augen und dem Rest Babyspeck drumrum provozieren will.
Wann betreten wir dann die Zone, in der man nicht mehr jedem ins Gesicht lächeln darf, ohne als Freak, Gutmensch oder Miststück bezeichnet zu werden?

Ich denke: ab dem Zeitpunkt, an dem wir beginnen, uns mit anderen zu vergleichen.
Sitzt ihre Frisur besser? Ist ihre Michael Kors-Tasche aus einer schöneren Kuh als meine? Hat er mehr Erfolg als ich und grinst mich deswegen so süffisant zwischen seinen viel zu weissen Zähnen an?
Ab dann ist ein Lächeln auch ein Ausdruck für Neid und Arroganz, dient als Selfie-Instrument und versteckt, was nicht gesehen werden soll.
Und obwohl ich mich in allen diesen Punkten als schuldig betrachte, wird mich das nicht davon abhalten, dir weiterhin auch aufrichtig ins Gesicht zu lächeln.
Weil’s schön ist.