Keine Gutenachtgeschichte

Sein farbenfrohes Gefieder war immer etwas, auf das er stolz war. Doch als der Winter kam und er vor der Kälte in den Süden flüchtete, wurde alles anders. Die Vögel hier sangen andere Melodien und hatten pechschwarze Federn. Dazu klapperten sie verächtlich mit ihren Schnäbel, wenn er sein Gefieder zu sehr aufbauschte oder er seine Flügel spreizte. Unbescheiden sei diese Farbenpracht. Was ihm wohl einfalle, seine Gastgeber so in den Schatten zu stellen. Und noch dazu konnte dieser Vogel nicht einmal richtig singen.

Von diesen Bemerkungen sehr getroffen verbarg der Vogel sein Gefieder unter einem schweren Tuch, das ihm das Fliegen verunmöglichte. Seit er jedoch nicht mehr fliegen konnte, fiel ihm das Schlafen schwer. Nächtelang streifte er durch die Wälder des südlichen Vogelreiches und fand doch nicht zur Ruhe. Bis er auf eine Höhle stiess. Darin verbarg er seine Scham, die schwarzen Augen starr nach vorne gerichtet. Jahrelang, so kam es ihm vor, blieb er dort. Schlief nicht und war doch nicht wach. Nach und nach geriet der Vogel in Vergessenheit. Nur ab und zu klapperte ein Schnabel und fragte sich, was aus demjenigen mit den komischen Federn geworden war.

„Darf ich eine deiner Federn haben?“

Der Vogel blinzelte und blickte auf das schwarze Küken vor ihm.

„Bitte – ich finde sie so schön.“

Hatte dieser Vogel etwa mit ihm geredet? Perplex drehte er den Kopf. Ein Knarzen und Knacken ging durch jedes seiner Gelenke. Nach und nach schüttelte er seine Glieder aus. Das Küken wich erschrocken einen Schritt zurück. Gerührt durch die Frage und heiser durch das lange Schweigen suchte der Vogel eine seiner schönsten Federn aus und überreichte sie dem Küken wortlos. Dieses steckte sie sich glücklich ins Gefieder und flog davon.
Überzeugt davon, dass ihn nun niemand mehr stören würde, zog sich der Vogel wieder zurück.

„Darf ich eine deiner Federn haben?“

Der Vogel blinzelte und blickte auf das Küken vor ihm.

„Bitte. Ich finde sie so schön.“

Wortlos überreichte der Vogel dem Küken eine seiner Federn. Es flog davon.

Ohne, dass der Vogel es wusste, löste er im südlichen Vogelreich einen Aufruhr aus. Die erste Feder, die er verschenkt hatte, gehörte nun dem jüngsten der Vögel. Die Ältesten empörten sich. Es war ein Bruch mit den Vogeltraditionen. Das junge Vöglein jedoch liess sich nicht beirren und erzählte stolz seinen Freunden vom geheimnisvollen Vogel im Wald. Diese, durch die Geschichte neugierig geworden, machten sich auf, ebenfalls eine der Federn zu ergattern.

Nach und nach hatten alle jungen Vöglein ein oder gar zwei farbige Federn. Es wurde zur Mode, sie im rechten Flügel zu tragen, das stärke die Flugkraft, sagten sie sich. Andere ergänzen ihre Schwanzfedern, um wendiger fliegen zu können und in der Luft allerlei Kunststücke zu vollbringen. Die Alten jedoch sahen diese Entwicklung mit Missmut an. Listig folgten sie einem der Küken zur Höhle des Vogels. In einem unbeobachteten Moment dann überfielen sie ihn und rupften ihm unter schrecklichem Geschrei sein Gefieder aus. „Jetzt, da du nackt bist“, schrien und lachten sie, „sollst du einer von uns sein.“

Nackt und blutig blieb der Vogel in einer Lichtung liegen. Im Himmel über ihm, völlig unberührt von den schrecklichen Ereignissen, flogen die jungen Vögel mit seinen Federn, lachten und vollführten allerhand Kunststücke.