Krieger tragen Röcke

Das Badezimmer ist hell und weiss. Glasierte Kacheln glänzen im Neonlicht. Zu grell für Kinderaugen. Trotzdem versuche ich auf Zehenspitzen in den Spiegel zu blicken. Meine schulterlangen Haare halte ich mit den Händen am Hinterkopf. Gerade so schaffe ich den Blick übers Waschbecken. Das Mädchen im Spiegel schaut mir verständnislos in die Augen. „Warum bin ich eigentlich kein Junge?“

Mit fünf Jahren gab es für mich nicht viel mehr, als den Haarschnitt, der mich vom anderen Geschlecht unterschied.

„Penisneid“, würde ein Psychologe an dieser Stelle trocken anmerken, seine Brille zurechtrücken und dann nach dem Verhältnis zu meinen Eltern fragen. Dabei habe ich nie versucht ein Junge zu sein. Seit jeher begleitet mich aber eine Frage: Was, ausser der biologische Fakt, dass ich Kinder gebären könnte, macht mich zur Frau?

Der Anabolika-Prinz und seine Stuten

Szenenwechsel: Dreizehn Jahre später in eine lokalen Bar. Mit einem Ohr höre ich, wie Alan seinen Kumpels erzählt, dass seine „Stute“ zuhause auf ihn wartet. Er ist seit vier Jahren in einer Beziehung. Neben mir hängt irgendein Typ mit dem Gesicht in meinem Ausschnitt. „Öfttärssshier?“, fragt er, ehrlich bemüht, doch noch Augenkontakt herzustellen. An der Bar geben sich „Vodka-Redbull“ und „Sex on the Beach“ die Klinke in die Hand.

Der Raum beginnt sich zu füllen. Die Musik wird lauter. Die farbigen Moodlights schaffen es nicht, den kühlen Schein der unzähligen Smartphonescreens auszugleichen. Hell heben sich die Gesichter ihrer Benutzer vom Raum ab. Angestrengt tippt „Vodka-Redbull“ mit ihren Fingerspitzen auf dem Bildschirm herum, sorgsam bedacht, sich keinen ihrer Acrylnägel abzubrechen. „Sex on the Beach“ streicht sich derweil durch die langen, geglätteten Haare und blickt schüchtern in die Runde. „Kannst du mir nicht die Flasche aufmachen?“, fragt sie mit hoher Stimme einen „Vodka, pur“ neben ihr. Der belächelt die grossen Augen und vorgeschobene Unterlippe gönnerisch. Mit einem Handgriff ist der Korken draussen. „Wow, danke, das hätte ich nieeee geschafft“, piepst sie darauf glücklich. „Vodka, pur“ lässt sie noch ein bisschen seinen Bizeps bestaunen und verzieht sich dann zu seinen Jungs. „Morgen geh ich wieder pumpen“, verkündet er hier stolz. Mindestens Vierzig Zentimeter Umfang sollen seine Arme `mal haben. Dafür geht er sieben Mal die Woche ins Fitnessstudio, trinkt fleissig Proteinshakes und behilft sich mit allerlei leistungssteigernden Mitteln.

Der starke Mann, die schwache Frau? So sehr wir diese antiquierte Rollenverteilung ablehnen, so sehr ist sie doch noch in unserem Alltag präsent. Davon sind Männer genauso betroffen, wie Frauen.

Der Zwist zwischen Persönlichkeitsentwicklung und Erwartungen der Gesellschaft beginnt schon in Kinderjahren. Man sehe sich nur einmal im Spielwarenladen um: In der Mädchenabteilung dominieren die Farbe Rosa, Puppen, Plüschtiere und Lilifee-Make-up. Wenige Jahre später kommen künstliche Wimpern und Push-Up-BHs dazu. Fazit: Eine Frau hat gut auszusehen und sich um Tiere und Babys zu kümmern.

Bei den Jungs herrschen dagegen Blau, Schwarz und Grün, Autos, Spielzeugwaffen und Actionfiguren vor. Mit Puppen spielen, oder sich mit den Kleidern der Mutter verkleiden? All zu oft hört man den Satz, „du bist doch kein Mädchen!“ Besser, ein Junge dreckt sich auf dem Schulweg ein und prügelt sich mit seinen Schulfreunden. Der Mann, der Krieger eben. Hatten wir das nicht schon vor zwei Millionen Jahren?

Der stärkste Junge der Welt

Nichts gegen Plüschtiere und Make-Up – besitze ich beides auch. Und es gibt sicher Eltern, die ihren Kindern keine Geschlechterrollen vorleben wollen. Zudem tragen auch Spielzeug wie die Puppe „Lammily“, die nach dem Vorbild einer durchschnittlichen Sechzehnjährigen hergestellt wurde oder ein Ingenieur-Baukasten für Mädchen zur Auflösung von Stereotypen bei. Jetzt fehlt wohl nur noch das Make-Up-Täschchen für Jungs – denn ein „Normaler Ken“ ist bereits in Arbeit.

Dennoch beschäftigt mich die Hyperweiblichkeit und Hypermännlichkeit, wie sie zum Teil schon bei Kindern zelebriert wird. Extreme Beispiele dafür: Die zehn-jährige Thylane Blondeau, die für ein Fotoshooting der Vogue wie ein zwanzigjähriges Model hergerichtet wurde. Samt entsprechend verführerischen Posen. Der neunjährige Guliano Stroe dagegen ist der muskulöseste Junge der Welt und trainiert bereits, seit er eineinhalb Jahre alt ist. Fälle wie diese werden selbstverständlich medial ausgeschlachtet und angeprangert. Und doch sind diese Kinder oft nur jüngere Versionen unserer selbst.

Dabei zeigt schon die Biologie, dass die Trennung von männlich und weiblich so einfach nicht ist. Aber Hermaphroditismus oder Intersexualität sind immer noch Themen, über die kaum einer spricht. Dabei leben auf der Welt nach Schätzungen Eineinhalb bis Drei Millionen intersexuelle Menschen. Repräsentative Statistiken gibt es leider nicht. Denn man hat lange versucht, Geschlechtsmerkmale von intersexuellen Menschen bereits kurz nach der Geburt „anzupassen“. Ausserdem gibt es auf einer Geburtsurkunde keine Option „I“ für „intersexuell“. Nur „F“ für weiblich oder „M“ für männlich.

Dabei hätte ein drittes Geschlecht auch seine Vorteile, denn: Androgyne Persönlichkeiten, also Menschen, die weder klar männliche noch weibliche Attribute zugeordnet werden können, sind tendenziell glücklicher. Sie können aus mehr gesellschaftlich akzeptierten Möglichkeiten auswählen. Also Männer: Lästert doch einmal so richtig ab oder schreit, wenn ihr eine Spinne sieht. Und Frauen: Klopft auch mal auf den Tisch und prügelt euch um die Gunst eines Mannes.

Ich würde von mir selbst nicht behaupten, dass ich androgyn oder männlich aussehe. Dennoch habe ich mit meinen kurzen Haaren schon die eine oder andere Erfahrung mit der Problematik „weiblich“ oder „männlich“ gemacht. Das fängt dort an, wo mir meine Mutter nahelegt, mir die Haare wachsen zu lassen „weil Männer nicht auf kurze Haare stehen“ und hört dort auf, wo mich wildfremde Typen auf offener Strasse förmlich anschreien, „weil nur Männer kurze Haare tragen“.

Ich mache weder meiner Mutter, noch dem armen, verwirrten Herrn einen Vorwurf. Ich wünschte mir einfach, dass das, was sie aussprechen, nicht auch in den Köpfen unserer Generation verankert wäre. Doch das ist leichter gesagt, als getan. Ich selbst habe auch eine viel zu genaue Vorstellung vom „perfekten Mann“ und der „perfekten Frau“. Diese „Ideale“ zu hinterfragen ist eine Herausforderung. Dabei sind sie meist sowieso sehr oberflächlich und haben einen fragwürdigen historischen Hintergrund.

Nur Barbaren tragen Hosen

So kann man neben den Themen Make-Up (im siebzehnten Jahrhundert schminkten sich bei Hofe auch die Männer) und hohe Schuhe (wurden zuerst von Männern getragen) im Verlauf der Geschichte viele Alltagsgegenstände oder Symbole beobachten, die zunächst als weiblich galten und dann zu einem männlichen Attribut wurden oder umgekehrt. Vielleicht noch immer das bekannteste Beispiel: Der Kampf der weiblichen Emanzipation für das Recht, Hosen zu tragen.

Ich möchte nun jedoch für einmal das Gegenteil untersuchen und fragen: Warum tragen Männer hierzulande eigentlich keine Röcke?

Historisch gesehen wäre das tragen von Röcken nämlich keineswegs den Frauen vorbehalten. Angefangen hat das in der viel zitierten Steinzeit. Denn: Was ist der einfachste Weg, um mit einem Stück Fell seinen Körper zu verhüllen? Genau. Ein Rock. Man braucht nicht viel handwerkliches Können, muss kaum etwas zuschneiden und kann sich doch mit einem wärmenden Material umhüllen. Egal ob das jetzt schulterfrei war oder nur bis zu den Knien reichte. So etwas wie „Anstand“ und „Moral“ gab es damals nicht.

Die nächsten paar (Millionen) Jahre hat sich die Kleidung nicht gross verändert. Von beiden Geschlechtern wurden zunächst Fellüberwürfe, dann einfache Leder- oder Leinenröcke getragen. Erst vor etwas mehr als Tausend Jahren begannen asiatische Völker Beinkleider herzustellen. Sie waren besser fürs Reiten geeignet. Die Chinesen waren uns also auch modetechnisch schon immer weit voraus.

In unseren Breitenkreisen wurde die Hose noch bei den Römern (um vierhundert n. Chr.) als barbarisch abgelehnt. Es war den Soldaten damals gar verboten, Hosen zu tragen. Waffenröcke hingegen waren bis ins Mittelalter ein wichtiges Statussymbol. Erst später, im vierzehnten Jahrhundert, setzte sich die Hose langsam als Kleidungsstück für den Mann durch. Es sollte noch knapp fünfhundert Jahre länger dauern, bis sie auch Frauen tragen durften.

Bezogen auf die Menschheitsgeschichte ist es sozusagen revolutionär Hosen zu tragen. Ein traditionsbewusster Mann sollte auch in der Schweiz Röcke anziehen. Was also hält ihn davon ab? Es gibt nichts, was dagegen sprechen würde.

Und trotzdem verstösst Thomas Neuwirth gegen „die Grenzen des guten Geschmacks“, wenn er als Conchita Wurst auf eine Bühne tritt. Dabei ist modetechnisch sicher nichts an einem bodenlangen, nachtblauen Kleid von Jean-Paul Gaultier auszusetzen. Er hat einen Penis, also ist er ein Mann. Ist doch egal, was er anzieht, oder wie lange Haare er hat. Er allein muss mit dem Menschen im Spiegel zufrieden sein.

Noch heute sieht mich mein Spiegelbild manchmal fragend an. Wer kann sich schon sicher sein, ob der Weg, den er geht, der richtige ist. Ich werde sicher noch eine Weile kurze Haare tragen. Und Hosen. Und Make-Up.

Inwiefern ich mich damit der Gesellschaft beuge, kann ich nicht sagen.