Mit gespaltenen Zungen

Auf einem Bürgersteig in der Innenstadt Prags. Es ist Hochsommer, heiss, schmutzig und ich weiss nicht, ob ich am Ende meiner Fantasie angekommen bin – oder, ob sie gerade erst beginnt. Eine Schlange, rosa und weiss, in einem IKEA-Sack. «Ah, ok», denke ich mir und gehe weiter. Und zucke dann doch zusammen, drehe mich um und schaue ihr direkt in die Augen, sie hält ihren Kopf über Wasser.

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«Also bist du doch keins meiner Hirngespinste», sage ich.
«Wenn du das sagst», sie züngelt belustigt.
«Wo ist dein Besitzer?», Taktgefühl habe ich anscheinend auch bei Schlangen nicht.
«Ich gehöre nur mir selbst», bemerkt die Schlange. Eine Aussage, die meine linke Augenbraue nach oben schnellen lässt. Da will mich doch jemand testen. Und mit „jemand“ meine ich mein dehydriertes, etwas zu entspanntes Gehirn.
Ich schaue mich um und sehe wie ein Mann, der Strassenkünstler sein könnte, mit zwei Polizisten redet, die lieber in ihrem Auto bleiben. Dabei hat er seinen linken Arm auf die heruntergelassene Scheibe gelehnt und gestikuliert, wie nur geschickte Lügner gestikulieren. Als würde er all seine gesagten Worte durch eine Handbewegung zu Nichte schlagen, nur um sie dann wieder aufzubauen. Solange, bis der Zuhörer seine Spur verliert und aufgibt. Könnte also auch ein Bankberater sein. Oder Teleshopping- Mensch. Oder ich, wenn ich „erkläre“, wieso ich meine Steuererklärung noch nicht gemacht habe. Ich blinzle mich zur Schlange zurück.
«Du erinnerst mich an jemanden.»
«An wen denn?» Ich habe die Vermutung, dass das keine Frage war.
«Wenn du nur dir selbst gehörst, wie bist du dann hierher gekommen?», will ich wissen.
«Das gleiche könnte ich dich auch fragen.»
«Ich habe gar nie behauptet, dass ich nur mir selbst gehöre.»
«Hättest du aber, wenn du mir nicht einfach bloss widersprechen wolltest.»
Ich verdrehe die Augen und weiss nicht so recht, wieso.
«Gut. Mit einem Billigflug bin ich hergekommen.»
«Wie viel?»
«Was?»
«Wie viel hat der Flug gekostet?»
«Du bist eine Schlange, was interessiert dich das überhaupt? … 40 Euro. 40 Euro hat der Flug gekostet.»
«Das ist mein Monatsgehalt.»
«…Du bist eine Schlange, du verdienst kein Geld.»
«Im Sommer mehr wie im Winter, weil’s dann mehr Touristen hat.»
«Das Geld gehört deinem Besitzer.»
«Wieso?»
«Weil… der hat Hände, er kann es halten, rumtragen und ausgeben», wende ich ein.
«Ich mache die ganze Arbeit, also ist es mein Geld», wendet die Schlange ab. «Naja, ist jetzt ja nicht so, als ob du zur Bank gehst und das einzahlst und dann einen Hut davon kaufst oder so.»
«Stimmt. Das machen wir über E-Banking. Und die Nummer mit den Hüten lief nicht gut, da haben wir sie wieder gestrichen. Ausserdem sehe ich nackt viel besser aus.»
«Das wird mir jetzt langsam etwas zu absurd.»
«Dann hör doch auf.»
«Eins noch. Hast du noch gar nie daran gedacht, abzuhauen? Ist ja nicht so, dass dieser IKEA-Sack ein unüberwindbares Hindernis ist.»
Etwas blitzt durch ihre geschlitzten Augen, sie streckt ihre Wirbel und hebt den Kopf. Mich schaudert’s. Ich mag keine Schlangen, erst recht nicht, wenn sie anfangen, sich zu bewegen. Ich drehe mich weg, es schaudert mich erneut.
Sein Blick ist dunkel, wild, als hätte ich zu viel gesagt, gehört, gedacht. Er ist mir unheimlich. Nicht nur, weil mir Kajal an Männern prinzipiell unheimlich ist. Der Strassenkünstler geht an mir vorbei, zwängt sich zwischen den Passanten durch, bis zum IKEA-Sack. Ich strecke mich, sehe aber nicht, was die Schlange tut. Ich ahne es nur.