Nichts wie weg

Der schwarze Sonnenhut sitzt ihr tief im Gesicht. Verstohlen sieht sich Amelie um, ängstlich bedacht, nicht erkannt zu werden. Aus ihr unerklärlichen Gründen trifft sie immer dort Menschen, wo sie sie nicht treffen möchte.  Der Flughafen ist einer dieser Orte.

„Amelie? Bist du’s?“ Kurz überlegt die Angesprochene, sich in Richtung Flughafentoilette aus dem Staub zu machen. Doch es ist zu spät, hatte ihr die blonde Frau doch schon auf die Schulter getippt. Ruhe und Sicherheit der Damentoilette rücken in unerreichbare Ferne. „Oh halloo, was machst du denn hier?“, fragt Amelie pathetisch. Was könnte man an einem Flughafen schon tun.

Dann steht sie an der Gepäckkontrolle. Alle Flüssigkeiten in einem Plastiksack, alle elektronischen Geräte fein säuberlich vor sich aufgereit. Weltmännisch entspannt lächelt Amelie die Zollbeamtin an. „Nehmen Sie den Hut ab“, sagt diese leise, doch bestimmt. Dabei scheint die Zollbeamtin dermassen unbeeindruckt von der schwarz gekleideten Frau vor ihr, der Schlange hinter dieser und dem Leben im Allgemeinen, dass sich Amelie kurz fragt, ob sie ihren stoischen Gesichtsausdruck auch dann noch behalten würde, wenn sie mit der Nagelfeile, die vor ihr im Plastikbehälter liegt, die Augen auskratzen würde.

Ob sie sie wohl wirklich über die Grenze lässt?

Amelie schüttelt den Kopf. Eine Geste, die sie sich angewöhnt hat, seit sie in einem halbwissenschaftlichen Artikel gelesen hat, dass man schlechte Träume durch Kopfschütteln beim Aufwachen vergessen kann.

Es gibt keinen Grund, warum die Zollbeamtin Amelie festhalten sollte. Trotzdem ist da dieses Gefühl. Als ob sie vor etwas flüchten würde und es sie jeden Moment einholen könnte. Und irgendwie ist es ja auch wahr. Nur schon beim Gedanken, nicht wegfliegen zu können, zieht sich etwas in ihr zusammen. Es konnte noch so viel schief gehen. Ein Vulkan könnte ausbrechen, ein Flieger abstürzen, eine Bombe hochgehen und sie wäre für die nächsten Stunden hier gefangen oder noch schlimmer: Müsste ihren Flug verschieben.

Nichts dergleichen geschieht. Während sie das Flugzeug betritt, quittiert Amelie die Nichtgeschehnisse mit demselben einstudierten weltmännischen Lächeln, mit welchem sie bereits die Zollbeamtin bedacht hatte.

Es ist heiss. Tief zieht Amelie die Luft ein, als sie im neuen Land aus dem Flugzeug steigt. Es riecht nach Freiheit, Benzin und etwas Verfaultem, von der Sonne Verdorrtem. Doch davon lässt sich Amelie nicht beirren. Bald ist sie an einem besseren Ort und führt dort das Leben, das ihr gebührt. Mit einer Hand hält sie ihren Hut, mit der anderen den schwarzen Rollkoffer. Unter dem Arm ein Reisemagazin. Fein säuberlich hat sie darin während des Fluges ihre Ausflugsziele markiert und damit den Herrn neben ihr zu ignorieren versucht, der, unbeeindruckt davon, im Schlaf weiter ein Walross imitierte. Mit der Gewissheit, dass sie den Flug hinter sich und eine Woche voll Erlebnisse vor sich hat, besteigt Amelie nun ein Taxi, jedoch nicht, ohne vorher noch einmal verstohlen in alle Richtungen zu blicken.

Erleichtert schüttelt Amelie die Hand der Vermieterin. Sie spricht nur gebrochenes Englisch und kein Wort Deutsch. Das Dorf, in dem sie für die nächsten Tage leben würde, scheint wenig touristisch und nur von Einheimischen als Ausflugsziel genutzt. Lieber verständigt sich Amelie mittels Zeichensprache, als dass sie durch ihre Muttersprache oder den eigenen unverkennbaren Akzent im Englischen an ihr Heimatland erinnert würde.

Das Essen schmeckt hier besser, die Luft frischer, der Geruch nach verdorbenem Fisch lässt sich leicht ignorieren und wenn er zu penetrant wird, redet sich Amelie einfach ein, dass das eben zu einem Abenteuer dazugehört.

Denn ein Abenteuer ist es, wenn es sich auch lediglich in den vier Wänden ihres Zimmers und in der Nähe der Sehenswürdigkeiten abspielen würde. Was sie zuhause den Nachbarn nicht alles erzählen können würde, von den exotischen Männern, für die auch sie exotisch war, von den anderen Sitten und dem ungewohnt gewürzten Essen. Denn hier, im neuen Land, ist alles anders, farbiger, aufregender. Hier kann Amelie so sein, wie sie glaubt, dass sie ist. Entspannt, gutgelaunt und ununterbrochen leicht betrunken.

In der letzten Nacht schläft Amelie schlecht, denn sie weiss, was sie zurück in ihrem Heimatland erwartet. Und es ist so unerträglich durchschnittlich und so unerträglich grau, dass sie wünschte, sie würde diesmal wirklich am Zoll festgehalten.