Persönlichkeit auf Knopfdruck

Früher waren es das Arbeits-Ich und das Familien-Ich, heute haben wir zusätzlich auch eine Identität für Facebook, Instagram, SnapChat, Tinder, devianArt und Twitter erschaffen. Jede mit ihrem eigenen Namen und Charakter. Doch was haben @JenniferTheArtist und BoredKitty84 mit einer realen Person zu tun?

Wenn wir wollen, können wir uns innert Sekunden von einer Identität in die nächste loggen. Denn online ist die Auswahl an Rollen, in die wir schlüpfen können, grenzenlos. Dank immer ausgefalleneren Online-Plattformen erhält jede noch so spezielle Persona eine Existenzberechtigung. Denn erst diese Plattformen bieten ihnen eine Bühne, um sich zu inszenieren.

Sind Online-Pseudonyme also einfach ein weiterer Auswuchs der immer verzweifelter gesuchten „Individualität“? Vielleicht ein bisschen. Aber auch ohne das Internet tragen wir sehr unterschiedliche, manchmal auch in sich widersprüchliche, Eigenschaften in uns. So ist das zumindest bei mir. Doch im analogen Leben siegen die stärker ausgeprägten und gesellschaftlich akzeptierten Charakterzüge. Ja, genau die, bei denen dir deine Mama auf die Schulter klopft und sagt „gut gemacht.“ Daher würde sich Hans-Peter, ein Heizungsinstallateur Mitte Fünfzig, nur in den seltensten Fällen dazu bekennen, gerne wie eine Katze behandelt zu werden. Online hingegen und unter einem anderen Namen geht das wunderbar. Einfach gesagt: Das Internet lässt uns als Individuen aufblühen.

So kann es durchaus eine Chance sein, sich online auszutoben. Man lernt, mit den eigenen Bedürfnissen umzugehen und vielleicht auch, sie zu akzeptieren. Ein Beispiel für ist auch Arthur: Er ist einer meiner ausgeprägtesten Alter Ego. Und obwohl ich ausser seinem Namen noch keine seiner Eigenschaften auf einem Profil festgehalten habe, habe ich eine sehr genaue Vorstellung davon, wie er ist, was er tut und wie er gerne wäre. Er ist das, was ich nicht sein kann und trotzdem bin.

Er verkörpert, wie so viele Avatare, die Fragen, mit denen ich durch ein Login tagtäglich konfrontiert werde: Wer bin ich? Wie beschreibe ich mich? Was macht mich aus? Im echten Leben stellen wir uns die Frage vielleicht erst nach einem oder zwei Glas Wein, die digitale Welt jedoch hält uns unaufhörlich den Spiegel vor.