Sei still und zupf meine Augenbrauen!

Wenn wir uns verlieben, dann in zwei Personen: Die eigentliche Person und die Illusion, die wir von ihr haben.

Die Kunst liegt nun darin, diese Personen als eine einzige zu akzeptieren. Aber wann ist es wirklich ein „match“, wann geben wir uns zu schnell zufrieden, wann geben wir zu schnell auf und wann reden wir uns etwas ein?

Wir verlassen uns bei der Partnersuche auf eindeutige Signale. Du ernährst dich vegan und redest gerne darüber? Dann weißt du auch, dass du deine grosse Liebe nicht bei beim McDonalds-Treff der Taubstummen finden wirst. Du trägst einen Pelzkragen an deiner Daunenjacke? Dann kann es nicht allzu verkehrt sein, wenn das dein Herzblatt auch tut.
Eigentlich ganz schön praktisch. So ziehen sich gleichgesinnte Menschen gegenseitig aus dem Verkehr. Macht Sinn: Wir versuchen ja auch nicht, Puzzleteile, die nicht zusammengehören, ineinander zu stopfen. Damit haben wir schon im Kindesalter aufgehört, weil die Puzzleteile sonst kaputt gehen. Stattdessen verschmelzen sie zu einer homogenen Masse, die nur noch zusammen existiert, ineinander verschmilzt, weil sich die beiden so ähneln. Die „Wir“-Sager, die Kalenderteiler, die mit einem gemeinsamen Facebookprofil. Unzertrennlich, kein Schritt wird ohne den anderen gemacht. Letzte Woche konnte ich im Zug sogar ein Pärchen beobachten, dass sich ganz romantisch gegenseitig die Augenbrauen zupfte. Wenn das keine Liebe ist – dann wenigstens der Höhepunkt meiner Zugfahrt.

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Wie bei jedem Phänomen lässt sich aber auch hier ein Gegentrend ausmachen. Die Generation Beziehungsunfähig ist ein Attribut, mit dem wir uns gerne schmücken. Sind wir doch oh so busy mit anderen Dingen –  in erster Linie mit uns selbst. Das „Ich“ ist unser wichtigstes Projekt – und das soll schliesslich möglichst perfekt rauskommen. Dieser Drang lässt sich super in unserer beruflichen Laufbahn ausleben: Ein Job, der Leidenschaft und Geldverdienen verbindet, ist schon lange keine Utopie mehr. Sprich, wir brauchen bloss noch jemanden, dem wir nach getaner Arbeit in die Arme fallen können: den perfekten Partner. Manche glauben daran; an die grosse und ewige Liebe. Ich finde Liebe an sich eigentlich schon ziemlich gross. Und ich glaube, sie passiert immer dann, wenn wir einen Funken von uns selbst in einem andern Menschen wiederfinden.
Funken, nicht Feuerwerk. Es ist schlicht egoistisch und anstrengend, seine gesamte Persönlichkeit in jemandem zu suchen und zu erwarten. Mal abgesehen vom Narzissmus, der in dieser Art der Partnersuche mitschwingt.
Und auch wenn wir jemanden finden, der ganz kompatibel wäre: Wir haben trotzdem Angst, uns einzulassen. Denn, wer weiss? Vielleicht wartet an der nächsten Ecke etwas Besseres auf uns? Vielleicht ein Superlike auf Tinder? Das geben wir natürlich nicht offen zu. Wir flüchten uns da lieber in Ausreden wie: Ich kann das einfach nicht, habe Bindungsängste, und/oder daddy issues, zu viel zu tun und zu wenig Zeit für mich selbst.

„Nächstenliebe“ und „sich selbst am nächsten sein“ – unterscheiden wir da überhaupt noch? Dieser Trend entwickelt sich langsam aber sicher zu einer emotionalen Inkontinenz. Als hätten Wir Y-Kinder nicht schon genug Probleme. Mit uns selbst, versteht sich. Gefühle, die in den unpassendsten Momenten überlaufen, im Hals stecken bleiben oder zuerst überhaupt als solche erkannt werden müssen, sind nur der Gipfel des Eisbergs „Ich“.

Zum Schluss möchte ich eigentlich nur noch sagen, was ich über das Zupfen von Augenbrauen weiss:
Arbeite mit dem Schmerz, nicht gegen ihn.
Wenn du dich dagegen sträubst, wird’s nur schlimmer. Tief durchatmen.

Ich glaube, mit der Liebe verhält es sich ähnlich.