«Ser feliz es gratis…»

Im Sommer 1954 und im Sommer 1955 wurden wir von unseren Eltern von Waltischwil nach Büttikon in die Sonntagsschule geschickt. Unser Weg führte uns nach etwa einem halben Kilometer über die sogenannte Todesstrasse – so hiess sie im Volksmund – und dann steil den Hang hinauf zum Schulhaus in der Dorfmitte von Büttikon, nochmals etwa 800 Meter weit. Die Ausserortskreuzung, die wir zu bewältigen hatten, verfügte natürlich über keinen Fussgängerstreifen. Und es gab damals in der Schweiz auch keine allgemeinen Geschwindigkeitsbeschränkungen; man fuhr fast überall völlig legalerweise so schnell wie man wollte. Die Strecke zwischen Neblikon und Boswil zum Beispiel ist schnurgerade, damals eine ideale Raserpiste. Nur dass es links von der Kreuzung ein kleines Hügelchen gibt, dessen Scheitel-punkt sich in einer Entfernung von etwa 120 Metern befindet. Kam einer zum Beispiel mit 120 Sachen von dorther gefahren, dann gab das uns ein Zeitintervall von bestenfalls vier Sekunden. – Im ersten Sommer war ich etwas über fünf Jahre alt, meine Schwester knapp vier. Im zweiten Jahr kam noch der jüngere Bruder dazu. Wie unsere Eltern auf die Idee kommen konnten, uns auf diese Expedition zu schicken, ist mir jetzt, da ich das schreibe, völlig unklar. Sie wollten wohl eine sturmfreie Bude. In der Sonntagsschule hatten wir es lustig. Sie wurde von zwei oder drei netten jungen Leuten geführt, die uns die biblischen Geschichten erzählten. Aber manchmal auch aus dem Huckleberry Finn – oder war es Tom Sawyer? – vorlasen. Und hin und wieder, wenn es besonders schön und warm war, begaben wir uns auch an den nahen Waldrand. Wir sangen «In der Welt ist dunkel, leuchten müssen wir», und den drolligen Kanon «Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König». Und wir Buben durften statt singen auch pfeifen. Ich bin nie wieder einem so lockeren, heiteren Christentum begegnet.

Später kam die Schule, das Lesenlernen bei einem alten Drachen, in einer gemischten Klasse von etwa fünfzig Schülern. Ich kannte am Anfang niemanden, denn wir waren gerade frisch nach Neblikon umgezogen. Mit der Fröhlichkeit war es nun vorbei. Und auch zwischen Vater und Mutter schien es nicht mehr recht zu klappen. Kinder hatten unsere Eltern, weil sich das so gehörte, wenn man «normal» scheinen wollte. An dieser Normalität und an diesem Anschein war ihnen viel gelegen. Der Vater erwies sich als ein schweigsamer, depressiver Familientyrann, die Mutter war der unumstösslichen Ansicht, wer sich in nichts einmische, an gar nichts Anteil nehme, erhalte sich so die Möglichkeit intakt, nichts falsch zu machen. Ein katastrophales Lebensrezept. In dieser Familie, in diesem Leben konnte ich nicht gedeihen. Ich durchlief die Schulen: Gemeindeschule, Bezirksschule, Kantonsschule Aarau. Begann in Zürich Germanistik und Anglistik zu studieren. Hatte mit zweiundzwanzig meine erste Seminararbeit geschrieben, vernünftigerweise über einen Aussenseiter: den Naphta in Thomas Manns Zauberberg. Vernünftigerweise, weil ich mich auf die Aussenseiterei gründlich verstand. Persönlich war ich damals bei Null angekommen. Und fand, es könne so nicht weitergehen. Also begab ich mich an einem 1. April mit zwei Koffern und einer Karteikarte voller Adressen und Telefonnummern auf den Zug und reiste nach Berlin, für ein Ausland-semester an der Freien Universität. Das heisst, ich unternahm das, wofür ich mich am wenigsten befähigt fand. Das Scheitern, damals eine allgemeine Lebensstimmung, wollte ich nun auch offiziell und konkret erleben. Erstaunlicherweise missglückte dieses Experiment. Ich erwies mich nämlich dann und damals, 1971 in Berlin, als überraschend lebenstauglich. Es begann eine Wende in meinem Leben.

Nach allerlei Lebensabenteuern bin ich nun fast bei 68 angelangt, womit nicht etwa der berühmte Mai gemeint ist, sondern mein Alter. Und finde – und möchte die «Weisheit», wenn es denn eine ist, gern weitergeben: Wenn ich aus meinen Schlamasseln herauskam, dann kann das jeder. Wie?

– Man mache sich nichts vor, besinne sich auf seine guten Qualitäten und mache sich keinen blauen Dunst vor über die andern, die schlechten. Auch mit denen musst du zusammenleben; du wirst sie nicht wirklich los, aber du sollst dich nicht von ihnen tyrannisieren lassen. Und noch eine Lebensweisheit: Wenn du einmal so richtig im Dreck bist, wirst du deine wahren Freunde erkennen. Und damit weisst du auch ein- für allemal, auf wen du verzichten kannst: nämlich auf alle andern. Und das sogenannte Glück? – Es ist nicht käuflich, nicht planbar, und nicht von Dauer. Es gibt aber Glücksmomente, die sich manchmal plötzlich einstellen. Und gelegentlich läufst du auch in eine Ohrfeige, tust einen Sturz. Steh auf, klopf deine Kleider aus, schüttle dich, fluche ein wenig, wenn du willst, und fahr weiter: Ser feliz (no) es gratis.