Überleben oder überlebt werden

Bis jetzt dachte ich immer, es würde reichen, Isabelle Sandwiches zu machen, wenn sie in den Feminismus zieht. Damit sie Kraft hat, an der Front. Jetzt sieht es aber so aus, als müssten ich, und du vermutlich genau so, das Buttermesser zur Seite legen und mitgehen. Entwickelte Identität wieder zusammenfalten und im grösseren Kontext denken. Das wird jetzt anstrengend.

kreisch-ueberleben

Andersdenkende gab es schon immer. Darüber zu wettern, hat noch nie etwas gebracht. Ich hab’s auch versucht, mich dann aufgeregt, einen dieser schmerzenden unterirdischen Pickel auf der Backe gekriegt, ihn aufgekratzt, fast verheilen lassen, ihn wieder aufgekratzt, ihn mit 96 prozentigem Alkohol desinfiziert. Und jetzt: Habe ich eine Narbe davon. Sie wird kleiner und blasser, aber sie bleibt. Also:

Was sollen wir tun?

 

Ich weiss nicht, ob es an meinem Genmaterial, das bestimmt zur Hälfte aus Pessimismus besteht, den Medien oder doch der Realität dazwischen liegt, klar ist nur: Wir werden es uns ungemütlich machen müssen. Schliesslich haben wir alle – bei einen mehr bei anderen weniger verständlich – die Fähigkeit und die Aufgabe zu denken. Und jetzt wäre kein schlechter Zeitpunkt, davon Gebrauch zu machen.

Denn: Kennst du auch nur eine Geschichte, in der sich die Gerechtigkeit einfach durch die Hintertür geschlichen hat, den Protagonisten auf die Schulter klopfte und meinte «Chunnt scho guet»?
Vielleicht beim «Bachelor», aber wir wissen, dass das etwa so viel mit dem echten Leben zu tun hat, wie Gleichberechtigung mit unrasierten Achseln. Wenig.

Ich glaube, diese Art des Happy Ends können wir knicken. Das wird nicht passieren, weder dir noch mir. Denn da draussen warten die anderen. Die, mit anderen Meinungen, anderen Einstellungen und wenn wir ganz viel Pech haben; warten sie zu recht. Wie wir uns verhalten ist schlussendlich nichts anderes als die Konsequenz der Erfahrungen, die wir gemacht haben. Und dagegen zu halten, ist in etwa gleich Erfolg bringend, wie zwei gleich grosse Steine aneinander zu schlagen. Schliesslich ist jeder Mensch gleich viel wert, oder?

Ganz ehrlich? Daran glaubt nur mein intellektuelles Ich. Mein emotionales Ich macht sich eine Flasche Sekt auf und prostet sich selbst zu, wenn es zu lange auf meiner Timeline unterwegs ist. Ja, es fällt mir schwer, nicht zynischer zu werden. Nicht «free the nippel» als Whatsappstatus zu benutzen, auch wenn es an unbequemen Tagen das einzige ist, von dem ich glaube, es könnte helfen.

Schluss damit. Anstatt uns hinter Floskeln zu verstecken, uns hinter Gruppen zu stellen, von denen wir denken, sie seien unserer Meinung, anstatt Selbsttherapie im Internet zu betreiben, müssen wir unseren Kopf dazu brauchen, wofür er da ist. Nicht nur uns selbst, sondern auch unser Gegenüber zu verstehen. Uns und unsere Wertvorstellungen konstant zu hinterfragen, zu wissen woher sie kommen, damit wir wissen, wohin sie führen. Wo unsere Grenzen aufhören und die unseres Gegenübers beginnen.

Für mich heisst das: Genauso wie ich Kaugeräusche, die Farbe «Eierschale» und Cervelat in den ÖV nicht toleriere – toleriere ich erst recht nicht, wenn ganze Menschengruppen diskriminiert werden.

Isabelle, pack deine Sachen, wir gehen da jetzt hin. Und vergiss mein vegetarisches Sandwich nicht.