Versprich mir, dass du immer weiter rennst.

kreisch-eltern

I
Dezember fühlt sich immer an wie der kurze Moment, in dem die Ampel von orange zu rot wechselt. Und dann müssen wir entscheiden: Rennen und retten wir uns auf die andere Seite ins neue Jahr, oder  halten wir inne und reflektieren? (für ältere: «besinnliche Jahreszeit»)

II
Ein rein rhetorisch ironisches Stilmittel, irgendwas müssen wir ja nur zum Spass machen! In echt hechten wir, krallen uns am Abgrund des nächsten Jahr fest. Denn da: wird alles anders.

III
Ein neues Jahr ist uns Menschen bekannt als Schwelle zur Selbstverbesserung. Wer sich nicht auf ein nächstes Level pushen will, hat das mit der Leistungsgesellschaft noch nicht verstanden.

IV
Nur: Wohin soll es denn gehen?
In die passiv-agressiven Gefilde der Mutter?
Der Gleichgültigkeit des beschwipsten Grossvaters?
Oder doch in den Filzkurs für starke, unabhängige Tanten?

V
Klar ist:  Möglichst weg vom Sog, der uns zur Persönlichkeit unserer Vorfahren treibt.  Denn da lauern Dinge, die wir nicht unser eigen nennen wollen.

VI
Und schauen wir uns nicht ständig um, schleichen sie sich von hinten an.
Die Muster, Eigenarten, Macken, Marotten, Ticks, Splins.
Alles, was wir an unseren Ahnen beobachten
und so krampfhaft zu meiden versuchen.

(VII)
(Deshalb schlagen sich junge Menschen übrigens auch die Nächte um die Ohren: Solange wir wach sind, haben wir Kontrolle über unsere Selbstwahrnehmung.)

VIII
Nachdem wir den Bauch unserer Mutter verlassen, versuchen wir ein Leben lang eigentlich nichts anderes, als uns in einen neuen Kontext zu setzen, der einigermassen gemütlich ist.

IX
Blöd nur, dass: Traumata über mehrere Generationen vererbt werden können.

Wir packen in unseren Rucksack: einen Weltkrieg, einen Ausflug zu einer freizügigen Kommune und einen grün-violetten Trainingsanzug
– der Stoff, aus dem unsere DNA gestrickt ist.

X
Falls es hilft: Wir sind ja alle miteinander verwandt.

XI
Eigentlich könnten wir gerade so gut versuchen, nicht so zu werden wie unser Nachbar. Oder Menschen, die morgens um sieben im Zug laut telefonieren.
Oder die Stimme vom Callcenter. Oder Marine Le Pen.
Das könnte sich auch (und vor allem) im nächsten Jahr lohnen.

XII
Dezember ist auch immer eine Chance.

Post Scriptum:
Versprich mir, dass du immer weiter rennst.