Vom Mädchen aus Porzellan

Irmas Knie zittern so fest wie ihr Herz klopft. Der Holztisch vor ihr wackelt nervös mit. Vom anderen Ende der Sitzreihe wird ihr ein genervter Blick zugeworfen: Sie merkt es nicht. Das Metall der Gabel schmiegt sich an ihre Lippen, zurück bleibt ein kühler Abdruck. Der Kuchen trieft vor Schokolade, schlechtes Gewissen bäumt sich in ihr auf.
Noch ein Bissen.
10 vor – Viktor sollte bald kommen. Sie erinnert sich schwach. An sein Lachen, das sich durch ihre Erinnerungen windet, wie eine Schlange durch hohes Gras. An seinen Geruch; Waldboden. Noch ein Bissen. Dunkle Krümel bleiben auf dem Lippenstift kleben. Mit einer feinen, kontrollierten Bewegung streicht ihr Daumen über den Mund. Sie schliesst ihre Augen einen Moment länger als einen Wimpernschlag. Gerade lange genug, um ein Bruchstück einer Erinnerung auflodern zu lassen. Viktor und sie stehen auf einer Brücke. Es ist Nacht und sie sind nackt. Ein unanständiges Lächeln kräuselt ihre Lippen.

Die redundante, simple Melodie lässt sie zusammenzucken; ihr Mann ruft an. Hektisch greift Irma nach ihrem Handy, lässt es in ihrer Tasche und unter dem Tisch verschwinden. Sie richtet sich auf, schaut sich um, streicht ihre Fransen hinter die Ohren. Ihr Mann ist ein guter. Er bewundert seine Frau, ohne sie wirklich zu verstehen. Am Tag arbeitet er, nachts ist er ihr treu.
Ihr Blick verschwimmt.
Im blassen Licht der Nacht schimmert ihre Haut wie Porzellan, findet Irma. Sie schaut nach unten: Ihre Zehen krallen sich am glatten Steinboden der Brücke fest, versuchen Halt zu finden. Die Knöchel treten weiss hervor. Viktors Füsse hingegen wippen in einem Takt, den sie nicht kennt. Sie wirft ihm einen hoffnungsvoll lasziven Blick zu; seiner konzentriert sich auf irgendetwas hinter ihr. Sie dreht sich um: Da ist nichts. Ihre Augenbrauen ziehen sich zusammen, ihre Zähne graben sich in ihre Lippen. Sie will nicht von dieser Brücke springen. Sie will ihren Mund aufmachen, etwas sagen – aber ihr Stolz schnürt sie zu. Trotzig atmet sie die kühle Sommerluft ein und folgt Viktor: Er steht auf der Brüstung.
Noch ein Bissen. Irma verschränkt die Arme, richtet sich wieder auf. Sie fühlt sich beobachtet, dreht den Kopf Richtung Fenster und wird nicht enttäuscht: Ein paar Männer beobachten sie. In gespielter Scham dreht sie den Kopf zur Seite und lächelt selbstgefällig. Entschlossen nimmt sie noch einen Bissen.

Irma zittert: Der Gedanke an den freien Fall macht sie ganz benommen. Viktor nimmt ihre Hand, doch es gibt ihr nicht die Sicherheit, die sie sich erhofft hatte. Seine braunen Augen flackern im Mondlicht. Er grinst. „Spring!“. Er lässt ihre Hand los und verschwindet im Dunkeln. Irma nicht. Das Rauschen des Flusses schlägt Wellen gegen ihre Schläfen, hastig blinzelt sie die letzten Resten der Nacht weg.
Ihr Herz rast nicht. Stattdessen pulsiert es unangenehm gegen ihre Brust. Die eine Hand greift nach der Handtasche, die andere nach ihrem Mantel – Irma taumelt Richtung Ausgang. Der Kuchen lässt einen bitteren Geschmack in ihrem Mund zurück. Sie reisst die Tür nach draussen auf und rempelt dabei eine breite Schulter an. „Tschuldigung“, murmelt Irma und drängt sich an einem Mann vorbei. Sein erdiger Duft bleibt dennoch an ihr haften.