Was passiert eigentlich, wenn wir nicht sterben?

Sterben wird immer schwieriger. Ob wir wollen oder nicht: Teile von uns bleiben erhalten. Während wir (je nach Glauben) auf einer Wolke sitzen, sitzen Fotos von uns aus unvorteilhaften Perspektiven in der Cloud neben uns – vielleicht nicht bis ans Ende der Zeit, aber bis ans Ende der Menschheit.

Wenn mir, nebst der Erfindung von Photoshop, etwas Hoffnung macht, dann der Glaube daran, dass nach dem Tod nichts mehr ist. Ich finde diesen Gedanken sehr befreiend. Andere Menschen halten sich am Gedanken des ewigen Lebens fest, weil es die letzte Hoffnung auf das bisschen Magie ist, das zu unseren Lebzeiten zu schwarz war, um sich zu zeigen. Glück für sie: Noch nie war das ewige Leben so realistisch, wie heute.

Wir haben mit der digitalen Revolution das Konzept der Zeit durch das Konzept der Daten ersetzt. Information altert nicht. Ist die Frage nach Unsterblichkeit also eine Frage der Moral? Der Religion? Der Liebe? Oder doch des Internets?

Schon heute gibt es sogenannte Memorial Bots; Maschinen, die sich durch Fotos und Nachrichten der verstorbenen Person lernen, wie sie zu kommunizieren. Anstelle eines Grabsteins gibt’s dann halt eine App.

Auch ohne Bot sind wir an der Schwelle zur Unsterblichkeit. Denn: Versuchen wir nicht alle ständig uns mehr wie die Person zu verhalten, die wir denken, sein zu müssen? Und zeigen wir das nicht gerade da, wo wir denken, dass es gesehen werden will?

Tweets, Blogs, Fotos, tiefsinnige Sprüche unter gefilterten Bildern – all das wird zur Gedenkstätte und zum Beweis dafür, dass es uns gab. Aber wollen wir wirklich in Erinnerung bleiben, als das Foto, auf dem wir mit roten Augen über eine Flasche Wodka blinzeln – die Hoffnung auf ein grosses Leben vor, die Unschuld hinter uns?

Als Voldemort seine Seele in sieben Stücke hackte, um ewig zu leben, zuckten wir zusammen. Als Google seine Forschung an der Unsterblichkeit bekannt gab, klatschten wir in die Hände, lobten es «Fortschritt!» und klickten auf «Akzeptieren».

Selbst wenn wir uns gegen die Memorial Bot Variante entscheiden, verwenden viele von uns die gratis Version; Facebook. Und nicht alle Verwandten wissen, wie in einem Todesfall mit dem Konto des Verstorbenen umzugehen ist. (Mutti, ich schick dir ’n Link.)

Das ewige Leben als Datenwolke bringt sicher auch Vorteile. Es könnte einfacher sein, Menschen, die noch lebendig sind, heimzusuchen. Cyber Poltergeist – eine postmortale Karriere, die ich mir durchaus vorstellen könnte.

Spätestens, nachdem der letzte Lifestyle-Blogger seine sterbliche Hülle hinter sich lässt, wüsste ich aber nicht mehr, was ich mit mir anstellen soll. Und wäre auf ewig dazu verdammt, mich auf Bildern, in denen ich mit dezentem Doppelkinn im Hintergrund zu sehen bin, zu untaggen.

Dann doch lieber das ewige Nichts.