Was tust du, wenn der Regen kommt?

Zigarettenrauch, der das Salzwasser in meinen Haaren leckt. Pflaster, denen es aus dem Weg zu tauchen gilt. Briten, deren Sonnenbrand bei direktem Blickkontakt fast schon ansteckend ist. Umrahmt von unzähligen ledrigen Mittsechzigern, die vermutlich seit 1968 nicht mehr aus der Sonne sind. Noch nie habe ich mich so danach gesehnt, wie jetzt gerade.

Denn der Strand ist leer.

kreisch-menschen-nizza
22.7.2016

Natürlich nicht ganz, es ist schliesslich Hochsaison. Irgendwo schnattert eine Freundin auf ihren halb schwitzend, halb schlafenden Freund ein, er grunzt von Zeit zu Zeit zustimmend. Ein Knall – sie zuckt zusammen, schaut sich so unpanisch wie möglich um, richtet ihren gelben Bikini und schnattert – zunächst zaghaft- weiter.
Auch ich schwitze, es ist heiss, auch wenn die Sonne bereits eher tief als hoch hängt. Ich packe meine Sachen und halte die Luft an, bis ich an den Toiletten vorbei und oben an der Strandpromenade bin.

Ein hundert Meter langes, kühles Blumenmeer, davor ein Soldat. Kerzen, noch ein Soldat, farbige Bänder, ein Soldat, der gerade auf sein Iphone schielt und grinst, als hätte er gerade etwas Unbekleidetes zugeschickt bekommen. Noch nie hatte der Gedanke an Nacktselfies eine beruhigendere Wirkung auf mich. Länderflaggen, Soldat, Stofftiere, denen ich nicht in die toten Augen blicken kann.
Mir ist schlecht. Blödes, schwüles Klima.
Ein Wagen für psychologische Hilfe des Roten Kreuz schleicht vor mir über die Strasse, ich schaue durchs Fenster, ein Mann schaut mich fragend an.

Hier geben sich die Menschen zwei Küsse auf die Wange, wie der Himmel das Meer und das Meer die Küste küsst. Immer und immer wieder.

Die Dämmerung drückt die Sonne ins Wasser und die Hitze zu Boden. Jemand lacht, ich sehe nicht wo.
«I’ll be there for you, when the rain starts to fall», einige haben sich um den Strassenmusiker versammelt, einige vor der Absperrung zu den Blumen.
Jemand weint, ich schaue weg, muss jetzt schliesslich nach Hause.

Ich zwänge mich zwischen nasse Shirts, der Bus sich durch den Stau. Viele der Autos haben Dellen, südländischer Fahrstil, sowas würde es bei uns nie geben. Oder?
Ein Knall – der Busfahrer bremst abrupt. Bevor jemand etwas sagen kann, ist er schon aus- und wieder eingestiegen, «tout est bien», meint er. Der Achselschweiss über mir mischt sich mit erleichtertem Atem.

Endlich im Apartment, ich will aufatmen, kann nicht, weil es keine Klimaanlage hat. Es ist dunkel, ich mache die Augen auf, immer noch dunkel. Mein Sonnenbrand juckt, mein Körper ignoriert die Feuchtigkeitscreme, lässt sie stattdessen direkt auf die Matratze perlen und ich wälze mich darin. Stundenlang. Wenn Luft Klaustrophobie hervorrufen kann, dann ist das hier eine Einzelzelle für einen kriminelle Sardinen-Clan. Ich atme so flach wie möglich, meine Haare kleben mir im Gesicht, ich fühle etwas, das ich nicht wahrhaben will, und dann ist es eigentlich immer Scham.
Endlich, tief in der Nacht, beginnt der Regen zu fallen.