Was wirklich wichtig ist

Chur, 17. Januar 2017

Liebes Tagebuch

Falls dieser Eintrag jemals gedruckt werden sollte, dann bitte mit Tinte auf säurefreies Papier. Das ist schwieriger zu verfälschen und hält sich länger. Soviel habe ich mittlerweile gelernt.

Der heutige Morgen verlief, wie so oft in diesen Tagen, ereignislos. Der Schnee fiel in grossen sanften Flocken vom Himmel, nicht wie sonst, fast regengleich in weissen Fäden. Ich stand kurz vor 10 Uhr auf. Mein Wecker hatte noch keinen Versuch gemacht, mich zu wecken. Er sollte mich eigentlich davon abhalten, als erstes auf mein Handydisplay zu schauen. Natürlich habe ich es trotzdem getan. Eine neue Mail, zwei Nachrichten. Die Mail gelöscht (Spam), die Nachrichten beantwortet.

Ich habe dann Frühstück und Mittagessen in einem gegessen, nur um kurz darauf mit dem Handy vor der Nase aus dem Haus zu gehen. Ein Zitronentee, 4.20 Franken und 80 Rappen Trinkgeld später bin ich auf dem Weg zum Stadtarchiv.

«Wir sind das Gedächtnis der Verwaltung», erklärt mir hier Ulf Wendler. Er ist seit elf Jahren für das Archiv der Stadt verantwortlich. Mit ihm möchte ich über das Reden, was wirklich wichtig ist. Denn wer könnte das besser sagen, als ein Archivar, der nicht in Generationen oder Lebensabschnitten denkt, sondern Dinge für die Ewigkeit aufbewahrt. Er hat die Aufsicht über Akten von mehr als 1000 Jahren. Es wären noch mehr, wäre die Stadt nicht 1464 fast vollständig abgebrannt.

«Durch amtliche Dokumente haben wir einen guten Einblick in die Vergangenheit, aber er ist auch ziemlich einseitig. Darum wären private Tagebücher von Leuten, die in Chur aufgewachsen sind, ebenso interessant.» «Führen Sie selbst denn Tagebuch?» «Nein, das überlasse ich anderen.»

Meine Aufgabe ist das Sammeln.

Meine Sammlung, von etwas mehr als 24 Jahren, ist mehr oder minder vollständig. Meiner erste Haarlocke, Fotos von einem Schulausflug, die Masche eines Geburtstagsgeschenks und sogar ein altes Tagebuch: Alles Dinge, die mir wichtig sind. Für die Ewigkeit bestimmt sind sie eigentlich nicht. Höchstens für ein Leben. Aber: Wenn ich wollte, könnte ich sie dem Stadtarchiv vermachen. Schade nur, dass ich nicht in Chur aufgewachsen bin.

Denn: «Was hier einmal im Archiv ist, bleibt für immer», erklärt Ulf Wendler. Das beruhigt und beunruhigt mich zugleich. Wen interessieren in 200 Jahren schon meine kleinen Entdeckungsreisen in der Churer Altstadt? Und wie behält man bei 1.5 km Akten den Überblick? Ich schaffe es nicht einmal, bei Erinnerungen aus 24 Jahren Ordnung zu halten. Ich bewahre sie alle wild durcheinander in einer mittelgrossen Kartonschachtel auf.

Auch die Wände von Wendlers Büros entsprechen in etwa dem Verhältnis, das man von Schuhkartons kennt. Zweimal so lang wie breit. Die linke Wand ist mit Bücherregalen bedeckt. Rechts und direkt beim Eingang stehen Arbeitstische. Auf jeder Ablage liegen alte Dokumente, Bücher und Ausdrucke. Es sieht aus, wie ich mir das Büro eines Stadtarchivars vorgestellt habe, nur viel besser aufgeräumt. Auch Ulf Wendler entspricht nur bedingt meinen Erwartungen. Seine Brille ist zwar mit dicken Gläsern bestückt, hat jedoch einen relativ modernen Rahmen. Seine Haare sind kurz geschnitten, seine Kleidung und Art zu Reden wirken gar nicht angestaubt.

«Alles was ist, ist geworden»,

erklärt der ehemalige Geschichtsstudent seine Faszination für Vergangenes. «Das Wichtigste für einen Historiker ist aber die Distanz zu den Geschehnissen. Erst wenn man weiss, wie die Geschichte ausgeht, kann man wirklich sagen, was wichtig war.»

Es wäre ja auch wirklich peinlich gewesen, wenn ein Historiker im Zweiten Weltkrieg behauptet hätte, Hitler gewinnt, erklärt er weiter. Und der Übergang von Mittelalter zur Neuzeit, scheine aus heutiger Sicht mit der Entdeckungsfahrt Christoph Kolumbus, ziemlich klar. Damals war er das nicht.

Schwierig nur, wenn einem heute an gestern erinnert, man aber nicht weiss, was morgen kommt. Das Erstarken der Rechten in ganz Europa, Donald Trump in den USA: «Ist es nicht frustrierend, dass die Menschen sich so wenig für das Vergangene interessieren?» «Wir Archivare sind da, um die Informationen zur Verfügung zu stellen. Was mit ihnen gemacht wird, können wir nicht kontrollieren. Da gibt es keine Zensur.»

Das überlässt man der Lügenpresse. Die gab es ja schon zu Josef Goebbels Zeiten. Ob sich die Menschen, die das Schlagwort heute benutzen, dessen Geschichte bewusst sind? Ich bin mir nicht sicher und will mir auch gar nicht sicher sein. Denn wer im Geschichtsunterricht aufpasst, merkt bald, dass es kein «wir» und «die anderen» gibt, kein «gut» und kein «böse». Dass es nicht so klar ist, wer zuerst in Israel war. Dass Spanien heute zwar hauptsächlich katholisch geprägt ist, jahrhundertelang aber unter islamischer Herrschaft stand. Dass die Germanen vor den Hunnen ins römische Reich geflüchtet sind, gegeneinander gekämpft haben, Rom angegriffen haben, die Hunnen bekämpft haben, gemeinsam mit den Hunnen gekämpft haben. Dass es nie einfach zwei Seiten gibt. Dass alles viel komplizierter ist. Und einfache Antworten nichts, ausser gefährlich, sind.

Nur im Archiv, hundert Jahre später, hat dann alles seine Ordnung. Trotzdem braucht es gerade hier viel Zeit, um Antworten zu finden. Aktuell arbeitet Ulf Wendler an der Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte Churs. Er gibt sich selbst ein bis drei Jahre Zeit zur Fertigstellung. Auch interessant wäre es, die Rolle der Stadt im Zweiten Weltkrieg zu erforschen. Doch dazu fehlen die Ressourcen.

«Und falls Sie irgendwann mal Tagebuch schreiben…»,

verabschiedet er sich. «Ich überleg ’s mir nochmal.»

Zweieinhalbstunden habe ich im Rathaus verbracht. Erst um fünf Uhr verlasse ich das Büro von Ulf Wendler. So lange kam es mir gar nicht vor, doch mein Notizbuch ist voll und mein Stift leer. Es geht zurück nach Hause.

Nach dem Abendessen sehe ich in meiner Facebook-Timeline einen Beitrag über einen Jungen, der aus Mosul geflüchtet ist, und versucht, vom Islamischen Staat zerstörte Statuen und Artefakte nachzubauen. Das gibt mir wieder Hoffnung. Dann denke ich darüber nach, «Idiocracy» anzusehen, überlege es mir dann aber doch anders. Vielleicht brauche ich noch mehr Distanz. Vielleicht aber will ich das Ende auch gar nicht wissen.