Wer schön sein will, darf es nie werden.

Anfang Februar, die Neujahrsvorsätze sind höchstens noch nostalgische Zuckungen, die sich unsere Nervenenden im Magen weitergeben – Was fangen wir jetzt mit uns an, bis das Jahr rum ist?

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Stets streben wir nach Selbstoptimierung. Anscheinend ist das der gesellschaftliche Gral, den es jedoch nicht zu finden, sondern sich immer nur knapp in greifbarer Weite zu halten, gilt.
Wieso muss immer alles härter, besser, schneller und mehr Sellerie sein? Wieso können wir uns nicht einfach ein Ziel setzen, es erreichen und es dabei belassen?

Weil wir alles oberflächliche Menschen sind. Und damit andere oberflächliche Menschen uns gut finden, müssen wir unsere Oberfläche nach gewissen Standards pflegen. Wieso sonst kasteien wir uns mit Fitness und Diäten? Mit präparierten Pillen und Säften, die schmecken, als wären sie an einer illegalen psychodelischen Party im Wald gebraut worden? Mit dem Zupfen von Augenbrauen, dem Wachsen unserer Beine, Achseln und weniger sonnenbeschienenen Stellen? Und wieso tun wir dabei so, als ob wir das alles gut fänden? Also entweder hat sich in unserer Gesellschaft ein sehr masochistisches Genmaterial durchgesetzt, wir spornen uns alle gegenseitig in einem irrsinnigen Schönheitswettbewerb an oder aber: wir haben einfach zu viel Zeit für uns selbst. So viel in unserem Alltag dreht sich darum, besser zu sein und zu werden. Der Kern dieses Phänomens findet sich in der Ernährung, dem Ursprung unseres Daseins.

Sellerie. Schmeckt vielen nicht, aber „probier ihn doch mal mit Hüttenkäse und Meersalz – echt lecker!“, treibt vielen von uns die Geniesser-Flausen aus. Ist ja für einen guten Zweck, für mich, für den flachen Bauch, für die Skinny-Jeans! Beim Verzehr von Sellerie verbrauchst du übrigens mehr Kalorien, als du zu dir nimmst. Verdauungstechnisch gesehen, grenzt das an Blasphemie. Trainingstechnisch gesehen an das tapfere Schneiderlein und seinen Fliegen-Blitzkrieg. Aber so effizient verhält sich der Mensch nicht immer.

Unterscheidet uns das von der Tierwelt? Dass wir nicht einfach ein Tier töten, es essen und dann gemütlich im hohen Gras chillen und warten bis wir wieder Hunger haben? Sondern dass wir viel mehr Tiere töten, als wir überhaupt essen, dann nur das gute Fleisch nehmen, es mit höchstens einem Löffel kaltgepressten Öl bei nicht zu starker Hitze anbraten und dann mit dampfgegartem Sellerie 32 Mal kauen, bevor wir es eins mit unserem Körper lassen werden? In dieser Zeit hat der Löwe schon drei Tiefschlafphasen durch und dreht sich trotzdem nochmals gemütlich um. Und es geht ihm gut. Wir hingegen rennen nach dem Essen vor den nächsten Spiegel, wo wir Ritualen wie Lippenstift nachziehen, Spinat aus den Zähnen fischen und Lidstrich verbessern, frönen. Weil das ist wichtig.
(Was Männer nach dem Essen so auf dem Klo treiben, weiss ich nicht, dürft ihr aber gerne in die Kommentare schreiben.)

Es geht natürlich auch anders. Extremer. Mit Gewichten.
Wenn der Bizeps das erste ist, was mir an dir auffällt, dann setzt du Prioritäten am falschen Ende der Ernährungskette, lieber Pseudo-Popeye.
Es ist mir ein Rätsel, wie Proteinpulver mit Wasser und getrockneten Beeren zum Nektar der Sexyness geworden ist. Diesen Cocktail trifft man meistens in Verbindung mit Tattoos, die eine Bedeutung haben, an – und künstlicher Bräune, natürlich auch mit Bedeutung. Die einzige Bedeutung dahinter ist, dass wir denken, ohne stete Verbesserung nicht zu genügen. Im Job, im Alltag, in der Liebe und vor allem: Im Spiegel.
Der Satz „Ich bin mit mir zufrieden, so wie ich bin“ ist simpel und könnte viele Probleme lösen. Doch haftet an ihm der Superlativ der Unbescheidenheit. Diejenigen, die ihn trotzdem über die Lippen bringen, stempeln wir als weniger ehrgeizig, weniger diszipliniert, weniger sexy ab. Sie haben aufgegeben. Dabei ist vielleicht das die Scheibe, die wir uns alle abschneiden sollten. Anstatt auf labbrigem, glutenfreien Toast rumzukauen.

Wenn du in den Spiegel schaust und zufrieden bist, hast du bereits verloren.

Hat mal Mister Cox aus der TV-Serie Scrubs gesagt. Ich sage – nachdem ich die letzte Faser Sellerie (hier geht’s zum Rezept!) zwischen meinen Zähnen hervor gefischt habe:

 Der Weg ist nicht das Ziel. Das Ziel ist das Ziel. Gopferdori.

Wieso habe ich eigentlich keine eigene Soap? Ich werde daran arbeiten.