Zur Erinnerung: Du bist keine Palme

Einige finden Inspiration in einem Yogakurs in Südostasien, andere auf Tumblr, wieder andere in Menschen, die zusammen mit ihrer goldenen, winkenden Katze am Sonntagmorgen einen überteuerten Sendeplatz haben. Oder aber, wenn man das alles durchschaut; zahlt man Eintritt, um einem Typen zuzuhören, der sechs Jahre lang die Welt bereiste. So auch ich.

Er trägt Baseballcap, lange Haare und scherzt vom ersten Moment an mit dem Publikum – und nicht auf die peinliche Art – hier kann ich noch keine zynische Pointe einbauen.
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Und als ich nur eine Zwiebel und ein Stück Brot zu Essen hatte – da merkte ich, wie gut wir es hier eigentlich haben. Also hier in der westlichen Welt.

Junger Mann, es gibt Zeiten (ab Mitte Monat), da habe ich nicht mehr als das auf dem Teller, und es würde mir trotzdem nie in den Sinn kommen, zu hinterfragen, wie geil das Leben hier ist.

Hier sitze ich jetzt also an diesem Vortrag, und schwanke zwischen Lach- und spontanen Nichtswieweg-Anfällen. Lasse meinen Kaugummi kritisch im Akkord platzen, nur um ihn Sekunden später möglichst unauffällig wieder aus dem Rachen zu husten, wo er durch akrobatisches Kopf in den Nacken- Lachen gelandet ist. Der Typ hat aber auch Charisma! Aber hat er auch recht? Liegt das Glück der Erde prinzipiell da, wo wir nicht sind?

Ich habe diesen Sommer eine sehr, sehr alte Frau im Krankenhaus kennen gelernt, die im Dorf nebenan aufgewachsen ist. Und dort ihr ganzes Leben geblieben ist. Sie war genau zwei Mal in den Ferien: Im Kanton Tessin. Die Schweiz hat sie nie verlassen. Und selten habe ich so ein zufriedenes Lächeln gesehen. (Und sie bekam deutlich weniger Schmerzmittel als ich.)
Brauchen wir also aus der westlichen Welt auszubrechen, wenn wir ganz genau wissen, dass bereits hinter den Bergen Palmen wachsen?

Für mich ist die westliche Gesellschaft graue Büros und Bonsai, ist einander an der Bushaltestelle im 1.5m-Takt zu ignorieren und sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln mehr auf Drake im Ohr als auf David auf dem Sitz gegenüber zu konzentrieren. Sie ist Brot zu kaufen, das bereits geschnitten ist, exotische Biofrüchte in Plastiktüten, kein Gluten und dieses kleine Lächeln, das wir uns beim Vorbeigehen zuwerfen. Du weisst schon, sieht ein bisschen aus, als ob wir uns ein Insekt von der Backe zucken wollen.
Kurzum: Die westliche Welt ist ein Konstrukt zum Davonlaufen. Wie gut, dass es uns erlaubt, die Ressourcen dazu aufzutreiben! Und dann reisen wir an Orte, wo die Menschen nichts haben, und trotzdem so viel geben. Burma, Vietnam, Philippinen – eigentlich schickt sich alles östlich von Chur.
Und dennoch: Der Kinderspielplatz um die Ecke scheint komischerweise kein beliebtes Reiseziel zu sein. Und da kriegst du eigentlich immer irgendwas umsonst in die Hand gedrückt. Ob du jetzt Katzenscheisse im Sandkuchen magst oder nicht.

Wenn wir dann älter werden, den Sommer nicht mehr auf dem Spielplatz verbringen und keinen Sand mehr essen (weil da vielleicht unvegetarische Würmer, Mikroplastik, Dreck von Andersdenkenden und so drin ist), spalten wir uns in drei Gattungen:

  • Die Bonsai-Pfleger: «Irgendjemand muss ja die Stellung im Büro halten, nicht war?»
  • Die Balkonier-Biologen: «Zu Hause ist es am Schönsten, sprich, das Bier am nächsten.»
  • Die Bananenbaum-Kletterer: «Aloha heisst nicht einfach «Hoi» und «Tschüss», es ist imfall ein Lebensgefühl.»

Ich zähle mich stolz zur Low-Budget-Kategorie letzterer Gattung. Und möchte mich an dieser Stelle recht herzlich bei der Kakerlakenfamilie bedanken, die diesen Sommer meine Freundin und mich so warm in ihrem Einzimmer- Apartment in Frankreich empfingen. Könnte auch etwas mit der kaputten Klimaanlage zu tun gehabt haben. (Und nein, ich weiss bis heute nicht, wie Ihr jüngster Sohn Fred verschwunden ist. Der Toaster weiss es vielleicht.)

Dieses und weitere sommerliche Reise-Abenteuer, die ich mir eigentlich so gar nicht leisten konnte, führten dazu, dass auch ich mich am Anfang des Monats in einem Grossraumbüro wiederfand. An einem Tag durfte ich trotzdem raus, um Fotos für das Unternehmen zu schiessen.
Meine Begleitung meinte: «Ich weiss schon, wohin wir gehen. Wenn ich hier wohnen würde, ich wäre die ganze Zeit dort. So, so schön. Du wirst schon sehen.»
Und ich sah. Ich sah, dass es ein Ort war, an dem ich jeden Tag zwei Mal vorbei ging – zur Arbeit und wieder zurück. Ich sah den reissenden Fluss, die Nachmittagssonne und die Brücke, die ich überqueren musste, wenn ich als Kind in den Kindergarten ging. Und ich merkte, dass ich seit Jahren nicht mehr sah, wie schön es hier wirklich ist.

Und bevor es hier nach Räucherstäbchen und Inspirations-Hashtags zu riechen beginnt: Was ich eigentlich sagen will, ist: Du kannst das Leben auch im Grossraumbüro an den Eiern packen. Oder auf dem Weg dahin. Denn, der Mittelpunkt der Erde ist genauso bei dir auf dem Balkon, wie er beim Bonsai neben dir im Büro, wie er auf der zweiten Saite der Ukulele des Sohns des Hawaiianischen Ureinwohner – Häuptlings ist. Und wenn du unzufrieden mit deinem Leben bist, beweg dich halt ein bisschen. Mach bisschen Zumba, deiner Freundin eine Überraschung, überback mal wieder was mit Käse oder ja: Mach eine Weltreise. Oder falls es jemand (gratis) als Bildunterschrift will:
Es hat auch seine Vorteile, keine Palme zu sein, die angewurzelt dazu verdammt ist, sich den Sonnenuntergang am Strand immer und immer wieder anzusehen, bis sie stirbt.