Zwischen den Zeichen

Kommunikation ist eine Kunst, die prinzipiell zum Scheitern verurteilt ist. Haben wir überhaupt den Anspruch, zu verstehen, was unser Gegenüber wirklich meint? Oder hören wird nur, was wir hören wollen? Ich hoffe nicht. Denn dann hätte 1. meine Mutter doch recht gehabt und würde mir das 2. die Hoffnung auf eine bessere Welt rauben.

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Das 4-Ohren-Modell besagt, dass jede Aussage auf vier verschiedene Arten verstanden werden kann – abhängig von der Beziehung zu unserem Gesprächspartner. Die Erfindung der Smileys und Emojis erweitert unsere Kommunikation zwar um eine Facette, verschluckt gleichzeitig aber auch einen grossen und wichtigen Teil an Information. Wir brauchen nicht mehr wirklich zu sagen, was wir meinen, verpacken es stattdessen in bunte Gesichter, Auberginen und Sushi.
Und der Gewinner in der Sparte „Kommunikations-Mythos“ ist: Das Emoji mit dem schiefen Grinsen.
Machst du mich gerade an? Willst du mich provozieren? Ist deine rechte Gesichtshälfte eingeschlafen? So viele Möglichkeiten – und keine davon wirklich befriedigend.
Insgeheim bewundere ich ja Menschen, die praktisch nur in Affen, Katzen und Herzchen kommunizieren. Im hippen Social-Media Slang malen wir uns gegenseitig Symbole an die Wände. Irgendwo hatten wir das doch schonmal…  Ich gehöre da eher zur konservativen Sorte: Falls du mir ein Kompliment oder Verbesserungsvorschläge zur Aufnahmeperspektive meines Selfies machen willst, dann gerne in Buchstaben. Ich verstehe dich sonst nicht. Aus Prinzip.

Unterdessen haben wir uns schon so an die Smiley-Kultur gewöhnt, dass es komisch wirkt, wenn wir keine benutzen. Ich habe eine Woche lang versucht, ohne jegliche Smileys zu kommunizieren. Das entpuppte sich als ziemliche Herausforderung. Aber was könnten wir als Alternative schicken? Selfies mit dem passenden Gesichtsausdruck? Angesichts der Tatsache, dass es das Kackhaufen-Emoji gibt, finde ich das etwas riskant. Mir blieb also nichts anderes übrig, als präziser zu formulieren. „Ich hoffe, dir fallen die Haare aus“ ohne Smiley wirkte allerdings, als ob ich es ernst meinte. Tat ich ja auch. Aber das sollte mein Textgegenüber nicht wissen. „Ich hoffe, dir fallen die Haare aus…haha“ schien mir die einzig logische Konsequenz. Problem gelöst. Ich habe geschrieben, was ich eigentlich sagen wollte und es so aussehen lassen, als ob ich das Gegenteil meine. Viel konkreter geht’s nicht. Und das ganz ohne Hilfe des Herrn Gelbgesicht. Apropos: Erinnert ihr euch noch daran, als es gut zehn verschiedene Katzen-Emojis, dafür nur eine Hautfarbe pro Kopf gab? Gute alte Zeiten. Heute kann dir nicht nur Faulheit, sondern auch diskriminierende Absichten angehängt werden, wenn du deine Freunde im falschen Hautton ansprichst. Gesellschafts-Kritik sitzt anscheinend doch nicht in unseren Köpfen, sondern in unserer Tastatur.

Die Mutter einer Kollegin meinte neulich zu ihr: „Hast du eigentlich auch dieses Emoji, das wie ein steifer Penis aussieht?“ Die Kollegin liess sich besagtes Schlingel- Symbol zeigen und entlarvte es als eine Nase. Eine Nase. Wer jetzt noch behauptet, Emojis können nicht zu fataler Fehlkommunikation führen, sollte vielleicht besser aufstehen und etwas anderes tun. Müsstest du nicht wieder mal deine Bettwäsche wechseln? Oder dich rasieren? Du weißt, dass beides zu lange her ist. Und trotzdem lässt du dir (hoffentlich) nichts von mir sagen. Weil du einfach nicht willst. Ich übrigens auch nicht. Mütter haben manchmal halt doch recht.