Keine Scham ist auch kein Style

Wir leben dafür, dass uns Menschen für die Person lieben, die wir vorgeben, zu sein. «Lifestyle» nennen wir das, um uns nichts Schlimmeres einzugestehen. Momentan ist das schwierig. Der Januar ist nicht gerade Nährboden für Style – Exzesse. Meiner besteht momentan aus Feuchtigkeitscreme und darin, dass ich mir die Erotik von Thermounterwäsche einrede.

«Undone», «nude» und »just got out of bed» wird dieser Look genannt. Ein Stil, der vorgibt, keiner zu sein. Als ich jung und zu jeder Tageszeit ungekämmt war, hiess das noch «Trojaner». Und dann kamen Menschen an die Macht, die Joghurt einfroren – und wir liebten es. Der Lifestyle begann, an den unmöglichsten Stellen zu spriessen; wie die Haare eines Pubertierenden. Augenbrauen waren plötzlich Körperschmuck. Und wurden dann doch durch Achselhaare abgelöst. Beides ist mir ein Rätsel. Warum ist das Doppelkinn eigentlich kein Lifestyle? Meine Zeit wird schon noch kommen. Alles ist der Fetisch von irgendwem. Und darum geht bei Lifestyle doch, oder? Jemandem bis zur Perversion zu gefallen.

Was wurde nur aus der Zeit, als abgeblätterter Nagellack noch cool war? Und wir überhaupt «cool» sagten? Als dunkle Haare auf den Armen kein Gesprächsstoff waren? Als Frisuren zwar lang, aber nicht unbedingt gewaschen sein mussten? Zwei verschiedenfarbige Socken kein politisches Statement, sondern einfach ein Ist-mir-egal-Charakterzug waren? Als wir Becher nur an Homeparties anschrieben? Und dann trotzdem aus fremden tranken? Sandalen praktischen Klettverschluss anstelle eines Riemchensystems, für das man einen zweitägigen Kurs ablegen musste, hatten? Als Sugaring eine Mahlzeit war?

Als ich mit Gemüsesuppe und Trainerhose mit Gemüsesuppe-Flecken vor meinem Laptop sass, fand ich die Antwort an dem Ort, an dem ich auch die meisten Fragen finde. In der Welt der Dokumentationen. Eine junge Frau lässt sich die inneren Schamlippen verkleinern, weil ihr Freund schamlos meint:

«Das sieht aus wie Schinken.»

 

 

 

Da wurden mir so viele Dinge auf einmal klar: Wieso ich Vegetarierin bin. Wieso ich nachts manchmal aufwache und nicht weiss, wieso. Und dass Lifestyle ein sehr kleiner Käfig ist. Und das Perverse daran: Er kann uns gar nicht klein genug sein.

Wir müssen auch mal hässlich sein. Unangepasst sein. Ungewaschen sein. Und das auch aushalten. Lifestyle ist vergänglich. Der Januar zum Glück auch.