Mikrokosmos Après-Ski: Trinken gegen den Klimawandel

Alles kondensiert in diesen einen Moment, kurz vor elf Uhr. Wasser tropft von den Wänden, ein feiner Sprühnebel von Kaffee Lutz und Calanda hängt in der Luft. Im 32 Quadratmeter grossen Zelt feiern 32 Menschen, tanzen in Skischuhen auf den Tischen, hängen an der Stahlkonstruktion, singen, «scheiss darauf, Malle ist nur einmal im Jahr.» – Ehm, wie bitte?

Böse Zungen behaupten, dass erst die Trunksucht der Skifahrer den Wintersport in seiner heutigen Form möglich gemacht hat. Hoteliers, die bis Ende des 18. Jahrhunderts im Winter ihre Herbergen geschlossen hielten, witterten im Après-Ski ein Geschäft. Und setzten dann alles daran, die Region in den Schweizer Alpen für den Tourismus attraktiv zu machen. Für einmal am Puls der Zeit, wurde die Schweiz zu einem der wichtigsten Winterdestinationen Europas. Auch in den französischen Alpen und in Österreich, namentlich in Chamonix und St. Anton, entwickelte sich nach dem Ersten Weltkrieg eine vielfältige Ski- und Après-Ski-Szene.

In einer Zeit, in der die schönen Dinge im Leben noch très chic und nicht cool waren, drehte sich so das Ferienverhalten einer ganzen Generation: Wo es vor ein paar Jahren noch üblich war, im Sommer vor der Hitze in die Berge zu flüchten und im Winter in südlichere Gefilde zu ziehen, war nun das Gegenteil der Fall.

Skifahren wurde zum Hobby für die gehobene Gesellschaft, ausgelebt in den Höhen der Alpen. Und blieb bis heute eine Beschäftigung für die monetäre Elite. Und einige wenige, die das Glück haben, in einem Skigebiet zu leben. Statt zu versuchen, die durch den Klimawandel sinkenden Umsätze mit tieferen Preisen und höheren Besucherzahlen wettzumachen, setzen Skigebiete auf Kombipakete und gesalzene Preise. Skifahren soll ein Luxus bleiben. Für den Besucher – Klimawandel sei Dank – immer höher hinaus müssen:

Ohne Kunstschnee, so eine Prognose von ProClim, einem Forum der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz, können bis 2085 nur noch die Hälfte der Schweizer Skigebiete mit einer weissen Piste rechnen. Die mittlere Schneefallgrenze ist nach ihren Zahlen bereits in den letzten Jahrzehnten um 300 Meter gestiegen. Als wäre das nicht genug, verliert Ski- und Snowboarden auch noch an medialer Popularität: An internationalen Events, wie dem «Air & Style» in München müssen sich Snowboarder mittlerweile die Bühne mit Motocrossfahrern und DJs teilen.

Mitten in diesen düsteren Zeiten bleibt den Skiressorts eine Sorte treue Gäste: Après-Ski-Besucher. Sie, so impliziert eine Umfrage in Österreich, publiziert im «Journal  of Sustainable Tourism», kümmern sich weniger um die Qualität der Piste und bleiben ihrem Ferienressort auch dann treu, wenn der Schneefall spärlich ausfällt.

Stärker vom Schneefall abhängig sind kleine, unabhängige Bars, wie die Tenda-Bar von Philipp Schröpfer. Er muss daher sehr genau wissen, wie man Après-Ski-Gäste glücklich macht. Auf 32 Quadratmetern hat er sich vor dem Hof seiner Eltern eine kleine Bar gebaut. Seit sieben Wintern, so misst man in Flims die Zeit, hat er geöffnet. Die ersten zwei Jahre waren hart, erzählt er, dann hat er das Zelt, dass innen als einfache Holzhütte ausgebaut ist, näher an die Bergbahn gesetzt. Auch zu ihm war der aktuelle Winter gütig: Im Vergleich zum letzten Jahr konnte er seinen Umsatz über Winter/Neujahr verdoppeln. Er kann sich nicht beklagen, nach dem schwierigen Start läuft seine Bar heute gut. «Es ist wichtig, die richtigen Getränke zu servieren – Kaffee Lutz, grünen Vodka und Bier», erzählt er mir, «du brauchst auch etwas Übung bis du die Getränkemengen richtig einschätzen kannst. Und es ist wichtig, an den richtigen Orten Werbung machen». Bei den Skilehrern zu Beispiel.

Die Skilehrer sind dann auch die ersten, die um 16 Uhr im Après-Ski anzutreffen sind. Kaffee Lutz um Kaffee Lutz bestellen sie. Schon bald fällt ein Turm in sich zusammen. Jetzt, während es in der Bar noch ruhig ist, frage ich den DJ mit dem punkigen Namen – Senza Perspektiva – nach der idealen Après-Ski-Musik. Er erklärt mir trocken: Am besten ziehen die Lieder vom Ballermann. «Die gleichen Leute, die nach Mallorca gehen, gehen auch ans Après-Ski». Er zuckt mit den Schultern. Strandlieder im Schnee? Da hat wohl jemand den Klimawandel vorweggenommen. Und schon dröhnt «Johnny Däpp» aus den Lautsprechern.

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Zugegeben: Für ihre inhaltlichen Werte waren Schlagersongs noch nie bekannt. Und während Troger für seinen «Geissenpeter» medial gerügt wird. verkauft Peter Wackel ganz ungestört seinen Körper und Ikke Hüftgold singt von Dicken Titten, Kartoffelsalat. Da muss ich Troger schon fast für sein Storytelling loben. Aber hey: ist doch eh alles nur Ironie. Wirklich mögen tut diese Musik niemand. Zumindest gibt es niemand zu.

Auch «Johnny» findet die Musik ördinär – seine Worte. Doch sie gehört halt dazu. Mit ihm trinke ich meinen ersten Kaffee Lutz – überhaupt – und fange dann, wenn ich gerade nicht aufpasse, doch an, mit meinem Fuss zu wippen. Johnny ist in der Ehrengalerie der stärksten Kaffee Lutz Trinker der Tenda-Bar verewigt: An einem einzigen Abend hat er 23 Stück getrunken. Dennoch wurde er übertroffen: Der Rekord steht bis heute bei 33 Kaffee Lutz. «Ein Freund von mir», erklärt Johnny und schmunzelt, «der ist später dann noch weitergezogen.» Ich schlucke schwer am Heissgetränk. Zwei Dinge verwirren mich: Erstens ist die Bezeichnung Kaffee Lutz meiner Meinung nach sehr irreführend.  Zweitens: Durch die Absenz von Kaffee im Kaffee Lutz bräuchte ich nach 33 Glas ein Taxi. Mit Blaulicht. Ins Spital.

Doch soweit kommt es nicht. Um elf Uhr scheinen «tausend Lichter» in der Après-Ski-Bar. Der kleine Raum hat sich mit Skilehrern, -schülern, der Dorffeuerwehr und -jugend und ein paar wenigen verlorenen Seelen gefüllt.  Die Musik wirkt lauter, wenn auch wohl nur, weil die Gäste, wie es sich gehört, mitsingen und auf den Tischen tanzen. Die etwa sieben Zentimeter dicken Tischplatten sind eben nicht nur für den rustikalen Look da. Philipp hat, zusammen mit Freunden, alles selbst gebaut und wohlwissend alles Après-Ski-sicher gemacht. Ein Holztisch hält neun tanzende Skilehrer aus.

Die Bar von Philipp ist «von der Region für die Region». Er hat die Après-Ski-Bar aus dem einfachen Grund aufgemacht, das es keine gab. Und verkauft hier hausgemachten Glühwein, Röteli und Salsiz, hergestellt aus dem Fleisch der Kühe seines Vaters. Umsatz macht er aber doch in erster Linie mit dem Alkohol. An Silvester verkaufte er 14 Flaschen grünen Wodka. Und am heutigen Abend wird er insgesamt 120 Kaffee Lutz ausschenken – ein durchschnittlicher Freitagabend. Und keine schlechte Bilanz für ungefähr 30 Gäste. Die sich – sei es dem Lutz oder der Kälte gedankt – zusehends näher kommen.

Eine junge Frau mit blonden Zöpfen scheint gerade der letzten Après-Ski-Fantasie entsprungen zu sein. Mit roten Backen tanzt sie auf den Holztischen der Bar. Die Skischuhe an ihren Füssen scheinen sie nicht im geringsten zu bremsen. Derweil verlieren einige der Skilehrer bereits an Beweglichkeit: Wo am Anfang des Abends noch Salsa getanzt wurde, wird nun etwas dürftig das Musikvideo zu Michael Jacksons «Thriller» nachgespielt. Ganz klar ist dabei nicht, ob die angewinkelten Arme und ausgestreckten Hände Tanz oder Selbstschutz sind.

Je später der Abend, desto zutraulicher verhalten sich die Gäste zueinander. Was Zyniker nun als Zerfall der Sitten und frevelnde Jugend bezeichnen würden, hat tatsächlich eine lange Tradition: Schon beim Teetanz Mitte des 20. Jahrhunderts war es üblich, dass junge Herren jede der Damen zum Tanz auffordern durften und – oh Holdrio – mit ihr ein späteres Stelldichein verabreden konnten. Erste Regel des Teetanzes dabei: Beim Teetanz wird kein Tee getrunken.

Ob die Anwesenden sich dieser langen Tradition bewusst sind? Unwichtig. Es bleibt, was wichtig ist: der Alkohol und die Schlagersongs zum Mitgrölen. Egal ob Skipiste, Mallorca oder Karneval. Wichtig für die Stimmung ist nicht unbedingt der Ort, sondern das Angebot.

Da stört es auch nicht, dass sich der Wintertourismus möglicherweise durch den Klimawandel wieder in den Süden gedrängt wird – es ist nunmal alles ein ewiger Kreislauf. Im Sommer, könnte sich ein tüchtiger Hotelier doch denken, braucht es bestimmt ein Après-Randonnée, oder, um dem Zeitgeist zu entsprechen: eine After-Hike-Party.

Quellen:
Flucht nach oben? – Brennpunkt Klima Schweiz, Proclim/Michael Herger
Behavioural adaptation to climate change among winter alpine tourists: an analysis of tourist motivations and leisure substitutability – Journal of Sustainable Tourism, Nicole Cocolas, Gabrielle Walters & Lisa Ruhanen
Impact of climate change in Switzerland on socioeconomic snow indices – Edgar Schmucki, Christoph Marty, Charles Fierz, Rolf Weingartner, Michael Lehning
From apres-ski to apres-tourism: The Alps in Transition? – Journal of Alpine Research / Revue de geographie alpine, Phillip Bourdeau
«Ein Hoch auf uns»: Facetten deutschprachiger Popularmusik – Harald Scholz
Gebrauchsanweisung fürs Skifahren – Antje Rávic Strubel
Tea Dance to Disco: Après-Ski Through the Ages – Skiing Heritage Journal, Journal of ISHA, International Skiing History Association