Brauchen wir ein neues Bildungssystem?

Für das Leben, nicht die Schule lernen wir. Und zwar: Die Mitternachtsformel, wie ein Frosch atmet und Seilspringen – Letzteres ist sogar im Schweizer Bildungssystem verankert. Der Lehrplan 21 ist seit 2017 in Kraft und beschreibt, was «Schülerinnen und Schüler nach neun Jahren Schule alles wissen und können.»

Der Bildungsauftrag der Volksschule möchte, «dass alle Schülerinnen und Schüler eine kulturelle Identität entwickelt haben, die den Menschen erlaubt, lebenslang zu lernen und ihren Platz in der Gesellschaft und im Leben zu finden.» Find ich ehrlich gut. Als ich sechzehn Jahre alt war – ich erinnere mich vage und mit einem Rückenschauer – war ich in erster Linie verwirrt, verunsichert und das Gefühl, ständig zu versagen war mein mentaler Mitbewohner geworden. Vor allem in Mathematik, Chemie und Physik. Ich hätte mir gewünscht, dass ich zunächst mal lerne, wie ich meinen Platz in der Welt finde, wofür ich mich starkmachen will und wo ich mich einsetzen kann. Stattdessen sah ich mich konstant über – oder unterfordert; mit Dingen, für die ich heute, im «echten Leben» selten Verwendung finde. Und ich habe die Vermutung, dass ich damit nicht alleine bin.

Die Schule zu einem grossen Teil nicht zu mögen, Angst vor Prüfungen zu haben, morgens nur mit Mühe den Willen zu finden, aufzustehen – das ist in der Schweizer Gesellschaft normal. Wird mit einem «Da musst du jetzt durch» und einem müden Lächeln abgetan. Denn wir wissen: Das Schweizer Bildungssystem ist eins der besten in der Welt. Und Stress sein Preis. Wenn man nach westlichen Werten geht, zumindest. Fleissig, diszipliniert und leistungsorientiert zu sein – das lernen wir in der Schule.

Die Welt von einer Person in einem geschlossenen Zimmer vermittelt zu bekommen – das ist ein Modell aus dem Mittelalter. Als Philosophen und später Mönche ihr Wissen an ein paar wenige Auserwählte weitergaben. Wissen war Luxus. Und Eigentum der Kirche. Erst 1874 wurde in der Schweiz die Grundschule für alle eingeführt – endlich! Unterdessen haben wir alle den Zugang zu Wissen und Bildung. Das ist nicht selbstverständlich und das schätze ich auch sehr. Beim Modell Frontalunterricht sind wir aber bis heute, zu einem grossen Teil, hängen geblieben. Die Schuld bei den Lehrpersonen zu suchen, wäre anmassend: Über zwanzig Menschen individuell zu fördern, das ist praktisch unmöglich und kann von einer Person nicht erwartet werden. Aber Raum zu schaffen für Begeisterung – das muss in einer modernen Gesellschaft möglich sein.

Also nein, das Bildungssystem in der Schweiz ist nicht das primäre Problem. Wie wir es verstehen, ist die eigentliche Katastrophe. Als Leistungsfabrik, in der alle auf der einen Seite ungeformt rein- und am Ende gesellschafts-konform wieder rauskommen. Als etwas, das durchgestanden werden muss – wie eine Grippe, der Zahnarztbesuch oder im Supermarkt an der Kasse anstehen. Das ist nicht modern, sondern die Fetischisierung der Wirtschaft. Kinder sind das grösste Gut eines Landes – aber wenn sie in einem Land gross werden, das Noten mit Wertschätzung gleichstellt, ist nicht ein neues System nötig, sondern die Frage: Wieso wollen wir das?

Quellen
Lehrplan 21
Die Kinder können seilspringen
Geschichte Bildungssystem Schweiz