Keine Scham ist auch kein Style

Wir leben dafür, dass uns Menschen für die Person lieben, die wir vorgeben, zu sein. «Lifestyle» nennen wir das, um uns nichts Schlimmeres einzugestehen.

«Undone», «nude» und »just got out of bed» wird dieser Look genannt. Ein Stil, der vorgibt, keiner zu sein und sich so in die Gesellschaft geschlichen hat. Als ich jünger und zu jeder Tageszeit ungekämmt war, hiess das noch «Trojaner». Und dann begann der Lifestyle, an den unmöglichsten Stellen zu spriessen; wie die Haare eines Pubertierenden halt. Augenbrauen wurden plötzlich als Körperschmuck zelebriert. Und dann doch durch Achselhaare abgelöst. Ich habe in diesen beiden Bereichen nicht allzu viel zu bieten. Warum ist das Doppelkinn eigentlich kein Lifestyle? Meine Zeit wird schon noch kommen. Alles ist der Fetisch von irgendwem. Und darum geht bei Lifestyle doch, oder? Jemandem bis zur Perversion zu gefallen.

Was wurde nur aus der Zeit, als abgeblätterter Nagellack cool war? Und wir überhaupt noch «cool» sagten? Als dunkle Haare auf den Armen kein Gesprächsstoff waren? Als Frisuren zwar lang, aber nicht unbedingt gewaschen sein mussten? Zwei verschiedenfarbige Socken kein politisches Statement, sondern einfach ein Ist-mir-egal-Charakterzug waren? Als Sugaring noch Frühstück bedeutete? Als wir Becher nur an Homeparties anschrieben? Und dann trotzdem aus fremden tranken?

Ich fand die Antwort an dem Ort, an dem sich mir auch die meisten Fragen stellen; zwei Stunden hinter der falschen Abzweigung auf Youtube. Eine junge Frau lässt sich die inneren Schamlippen verkleinern, weil ihr Freund schamlos meint:

«Das sieht aus wie Schinken.»

Auf einmal wurden mir so viele Dinge klar: Wieso ich Vegetarierin bin. Wieso ich nachts manchmal aufwache und nicht weiss, wieso. Und, dass Lifestyle ein sehr kleiner Käfig ist. Manchmal nur ein paar Zentimeter gross.

Jeder Trend ist vergänglich. Aber wann kommt es aus der Mode, dass wir uns auf unsere Einzigartigkeit reduzieren?