Treffen sich ein Drogendealer und eine Studentin eine Haltestelle zu spät

Es ist tiefste Nacht. Nur eine Strassenlampe erhellt die Haltestelle «Mosen». Im Hintergrund ist ein Restaurant zu sehen, an dem ein Schild mit der Aufschrift «zu verkaufen» angebracht ist. Im Vordergrund ein Ortsschild, auf dem eine Scherzkecks zwei Punkte über dem O angebracht hat. Zwei Personen stehen vor beim Ticketautomaten. Er: 43, in Trainerhosen, schwarzem Wintermantel und Kickboard telefoniert sichtlich genervt mit jemandem und zupft immer wieder nervös an seiner Kleidung. Ich, 25, in Jeans, rotem Wintermantel und Rucksack, tippe etwas ins Handy.

Er Ja, ich weiss. Scheisse. Was soll ich denn jetzt tun? Kann ja auch nicht… Ok. Tschüss… legt auf.
Ich seufze laut und genervt. Verdammt. Das hat mir noch gefehlt. Ich nehme das Telefon ans Ohr. Lasse es läuten. Augenscheinlich nimmt am anderen Ende niemand ab. Toll. Ich lasse die Schultern sinken. Hättest du auch eine Haltestelle früher ‚raus müssen?
Er Ja voll.
Ich mustere ihn. Wollen wir uns ein Taxi teilen?
Er ohne mich anzusehen. Genervt. Das Problem ist, dass ich im Moment total blank bin.
Ich denke nach.
Er Wie lange geht es denn zu Fuss?
Ich Wo musst du denn hin?
Er geht nervös hin und her. Ja erstmal zurück. Und dann zwei Dörfer weiter.
Ich Uff. Lange. Locker eine Dreiviertelstunde bist du im Nachbarsdorf bist. Und dann musst du noch über den Hügel. Ich blicke auf mein Handy. Ja, hier steht 45 Minuten. Nachdenklich. Aber wenn du es bis um 1 Uhr zur übernächsten Haltestelle schaffst hast du einen Zug. Ich ringe einen Moment mit mir. Ja also, wenn du willst, kannst du bei mir im Taxi mitfahren. Ich hab eh keine Lust hier ’ne Stunde auf den Zug zurück zu warten.
Er sieht mich erstaunt an.
Ich wähle die Nummer des Taxiunternehmens. Ja, guten Tag ich bräuchte ein Taxi von Mosen ins Nachbarsdorf. Ja. Für zwei. Dankee.
Er tritt etwas näher. Das Licht der Strassenlampe erhellt sein Gesicht. Hey, Danke. Das ist nett von dir.
Ich Kein Problem. Ich hät‘ ja sowieso ’n Taxi bestellt. Ich sehe ihn noch einmal musternd an. Die Haltestelle zu verpassen ist echt blöd. Ich bin noch an der Türe gestanden, aber es war schon zu spät.
Er Ja. So läuft’s machmal im Leben. Ich kann nicht mal meine Frau anrufen. Sie ist wütend auf mich.
Ich Oke… Na was machst du denn so spät noch unterwegs?
Er Ach weisst du ich arbeite in Zürich als Teamleiter. Hab mich in den letzten Jahren hochgearbeitet. Von ganz unten.
Ich Cool. Gratulation.
Er Was machst du denn so?
Ich Nichts gescheites. Bin gerade mit dem Studium fertig. Jetzt jobbe ich ein wenig. Bis es dann weiter geht.
Er Ach wie viel verdienst du denn?
Ich Netto so 23 Franken in der Stunde.
Er Scheisse ist das wenig. Er tänzelt einen Schritt zurück dann wieder vor.
Ich zucke mit den Schultern, Blick auf den Boden. Ist ja nicht für lange. Wie bist du denn Teamleiter geworden?
Er Ja ich bin in der Kommunikationsbranche. Und kann viele Sprachen. Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch… Das ist ein Vorteil. Und ich habe immer hart geschuftet. Pause. Aber jetzt ist alles den Bach ab.
Ich blicke auf. Vorsichtig: Wieso denn?
Er Ja. Es ist mir alles zu viel geworden. Da bin ich abgestürzt.
Ich Ist darum deine Frau wütend?
Er Sie ist vor allem enttäuscht. Weisst du, ich habe fünf Kinder.
Ich reisse die Augen auf. Fünf? Wow.
Er Ich selbst bin in Zürich aufgewachsen, weisst du. Kreis Vier.
Ich Ach ja? Da arbeite ich später.
Er Ich musste weg von da. Bin in meiner Jugend in den Drogenkonsum reingerutscht. Hast du schon mal Drogen genommen?
Ich schüttle den Kopf.
Er nichts? Noch nie Heroin, Koks…?
Ich Naja, also gekifft…
Er zur Luft vor sich. Heroin ist übel. Dann an mich gerichtet. Aber ja. Ich hab dann auch angefangen zu Dealen. Im grossen Stil. Und dann haben sie mich erwischt. War fünf Jahre im Jugendknast. Hab mich gebessert. Dann auch meine Frau kennengelernt. Mich hochgearbeitet. Immer mein bestens gegeben. Und jetzt. Er schüttelt den Kopf. Rückfall. Alles scheisse. Wieder dealen, um mich zu finanzieren. Wieder verurteilt, diesmal zwei Jahre. Aber auf Bewährung. Immerhin muss ich arbeiten und meine Familie durchbringen. Und meine Frau ist so wütend.
Ich aufmunternd Aber hey, sie ist immer noch deine Frau. Sie steht zu dir.
Er Ich habe schon Scheisse gebaut. Und sie ist brutal enttäuscht.
Beide schweigen. Ein Auto, das vom Bass der Musikanlage vibriert, fährt langsam vorbei, dreht eine Runde auf dem Parkplatz der Haltestelle und fährt wieder weg.
Ich komisch.
Er 
Der wollte dich doch anmachen. Hat sich nicht getraut. Ich hätt‘ ihn auch auseinander genommen, wenn er blöd angekommen wäre.
Ich schaue ihn belustigt an und erinnere mich dann an das, was er gerade erzählt hat. Mein Lächeln verschwindet, wird durch Ernsthaftigkeit ersetzt.
Er Und, hättest du das von mir gedacht?
Ich Hmm?
Er Das mit den Drogen?
Ich schaue ihn prüfend an. Er hat volles Haar, leichte Augenringe und seine Trainerhosen sind so etwas wie die traditionelle Tracht der Gegend. Hmmm. Nö. Das einzige, was mir aufgefallen ist, ist, dass du ein bisschen nervös bist.
Er Ja, das ist, weil ich vorhin ein bisschen gekokst habe.

Ich blicke ihn einen Moment schweigend an. Ich glaub‘ an dich.
Er blickt mir zum ersten Mal an diesem Abend in die Augen. Jaja, klar.

Ein Taxi fährt heran.