Auf dem Freundschaftsfriedhof

Ich habe ein bisschen Angst vor dem Älterwerden. Davor, monatlich Krankenkassenbeiträge zu bezahlen. Davor, dass es nicht bei einem dunklen Härchen an meinem Kinn bleibt. Und davor, dass meine eventuellen Kinder überall den Echotest machen, wo es ein Dach drüber hat (HalloalloHALLLO?ALLOOOO?!).
Aber am meisten habe ich Angst davor, Freunde zu verlieren und keine mehr dazu zu gewinnen. Und dann Beziehungen zu Seifenopern Charakteren aufzubauen.

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Momentan habe ich das Gefühl, zu viele Freunde zu haben. Und hinter ihrem Rücken nenne ich viele von ihnen «meinen besten Freund» oder «meine beste Freundin». Eine beste Freundschaft fürs Zusammenwohnen, für schwarzen Humor, um Trash-TV zu schauen, nostalgisch Kaffee zu trinken, nach Afrika zu skypen, Videos zu schauen, die meine anderen Freunde als «primitiv» belächeln würden, oder donnerstags ein Bier in vier und einen Gin Tonic zu verwandeln (ich hasse Gin Tonic) und sich am nächsten Morgen durch Augenringe anzulächeln.

Bevor ich jetzt sentimental werde, habe ich kritische Neuigkeiten: Eine Studie aus Tel Aviv zeigte, dass nur die Hälfte unserer Freunde auch uns als Freunde sieht. Okay, nicht in jedem Fall sind das Neuigkeiten, manchmal wissen wir sehr genau, dass wir nicht befreundet sind, aber der andere riecht halt so gut; nach Mut, Pizza, Geld, oder was immer uns wichtig ist, wir aber selber nicht haben.

Wie können wir also wissen, wer es mit uns aushält und wer uns einfach temporär den Nacken kraulen will? Eine Bekannte von mir mistet regelmässig ihre Freunde aus; wenn ein neuer Lebensabschnitt, Job oder Zyklus (?) beginnt. Ich bin da noch nicht ganz vertraut mit den Spielregeln, muss mich noch in meine neue Rolle der «Bekannten» einfinden.
Strategisch Freunde von der Spreu zu trennen; das klingt mir doch sehr nach Kontrollzwang, nach Luxusstörung, nach Aschenputtel-Segregation.
Andererseits: So erspart man sich unschöne Überraschungen und Enttäuschungen. Und das wiederum ist sehr in meinem Sinn.

Denn man sieht bekanntlich nur an die Fassade der Menschen ran. (Dieser Abschnitt ist übrigens gesponsort durch den Thriller «Disturbia», den ich letzte Nacht gesehen habe.) Ich will niemanden zu nichts verdächtigen, aber wenn du dich in nächster Zeit auf WhatsApp blockiert, auf Facebook entfernt oder mich im echten Leben nicht mehr findest – dann hat die Paranoia in meinem Kopf für einmal gewonnen.
Zu gross scheint das Risiko, dass ich mal meinen Kopf vor einer Kamera schütteln und etwas wie: «Er war ja eher der ruhige Typ, unauffällig und zuvorkommend», kommentieren muss.

Galgenhumor bei Seite: Ich halte natürlich nicht alle von euch für schwer kriminell. Es gibt auch realistisches Potential, dass mich Freundschaften überdenken lässt. Vielleicht magst du diese Minipic-Würstchen, drängelst bei H&M oder gehörst zu den Typen, die Dickpics verschicken, und wenn sie sehen, dass keine entzückte Antwort zurück kommt ein «Ups, sorry, das war nicht für dich bestimmt» nach schubsen. Falls ich solche Dinge über dich herausfinden sollte – passiert vermutlich genau nichts. Dafür bin ich erstens ja mit dir befreundet und zweitens zu konfrontationsfaul.

Und dennoch sind viele Freundschaften nicht für das ganze Leben gedacht. Sie sind dafür da, um einen Lebensabschnitt, andere Menschen, dunkle Tage, Autoritätspersonen und Billigalkohol erträglicher zu machen.
Und wenn eine Freundschaft abstirbt, lassen wir sie liegen, und werfen von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick darauf und fragen uns, ob es sich lohnen würde, sie wieder aufzuheben. So wie die Ansammlung fast leerer Shampooflaschen in der Ecke in der Dusche.
In jungen Jahren ist das weniger Problem als Chance. Noch finden sich Freunde in Nebenfächern, schmuddeligen Bars oder noch schmuddeligeren Chatrooms.
Aber, liebe erwachsenere Erwachsene, an welchem Punkt verliert man Freunde, gewinnt aber keine neuen mehr dazu? Bei der Hochzeit? Bei der dritten Geburt? Vor dem Familienpack-Wollsocken Regal in der Landi?

Ruhig bleiben – Das Leben hat uns an viele Dinge gewöhnt, die uns zunächst Angst machten. Dellen an den Oberschenkeln, Vegetarismus, Snapchat und Menschen, die einem suspekt, fremd und anders vorkommen, werden plötzlich unsere besten Freunde. Und wenn sie dann wieder gehen, ist das nicht weiter schlimm, denn: Wir brauchen nur einen Menschen auf einmal, der uns auf die dunklen Härchen am Kinn aufmerksam macht. (Da wir aber alle viel beschäftigt und nicht immer am gleichen Ort sind, kann man sich ruhig ein paar mehr halten. Freunde, nicht Härchen.)