Das Tier in uns

Ich sehe, wie sich Frauen Bausilikon in den Arsch injizieren, wie der Islamische Staat Kinder rekrutiert, wie amerikanische Teenager wie wild auf eine Zielscheibe ballern und es normal finden, wie sich eine Russin so lange operieren lässt, bis sie mehr aussieht wie Barbie als Barbie selbst. «Tja, das Internet ist ein lustiger Ort», denke ich mir dann, nehme eine weitere Handvoll Chips und navigiere mich fröhlich durch die Abbilder der Gesellschaft. Und dann ist da dieser Mann auf meinem Bildschirm, der behauptet, er sei in einer sexuellen Beziehung mit seinem Hund.

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Reflexartig verziehe ich das Gesicht, schiebe angeekelt meine Packung Chips weg. «Ist ja abartig!», jagt es mir durch den Kopf. Dass der Hund leicht schielt, macht es auch nicht gerade besser. Aber wieso ekelt mich diese Vorstellung so? Bin ich – allen Anzeichen zum Trotz – moralisches Paradebeispiel? Oder – allen Erwartungen entsprechend – einem Gruppenzwang verfallen?

Forscher führten folgendes Experiment an einer Horde Affen durch: Sie platzierten eine Banane auf einer Leiter. Sobald ein Affe die Leiter hochkletterte, wurde der Rest der Horde mit kaltem Wasser abgespritzt. Das führte dazu, dass die übrigen Affen immer denjenigen Affen angriffen, der die Leiter hochkletterte. Dann tauschten die Wissenschaftler nacheinander die Affen aus. Diese waren sofort Feuer und Flamme, Affen zu verkloppen, ohne dass sie je nass gemacht wurden. Am Ende des Experiments waren alle Affen ausgetauscht und keiner traute sich mehr auf die Leiter. Warum? Weil es sich halt nicht gehört.

Was normal ist und was nicht, ändert sich mit der Zeit. In der griechischen Mythologie nahm Zeus die Gestalt verschiedener Tiere an und schlief unter anderem mit seiner eigenen Schwester Hera. Und im 18. Jahrhundert hatten Damen kleine Hunde, die darauf dressiert waren, ihnen Liebesdienste zu erweisen. Was lernen wir daraus? Dass fellige Cunnilingus-Performer kein Phänomen aus 70er-Jahre Pornos sind und die Bedeutung des Begriffs «Schosshündchen».

In anderen Zeiten herrschten halt andere Sitten, oder? Habe ich auch gehofft. Anfang des 20. Jahrhunderts erhob Alfred Kinsey aber Studien, die zeigten, dass rund 8% aller Menschen in ihrem Leben sexuelle Handlungen mit Tieren haben. Das sind gut 20 Menschen aus meiner Facebook-Freundesliste. Und davon habe ich rund 92% schon die Hand gegeben.

Ein weiterer Input, der meinem Glauben an die Menschheit und der Liebe zu Sour Cream-Chips geschadet hat: In einigen Ecken der Welt ist Sex mit Tieren nicht nur toleriert, es ist die Normalität. In Teilen Nordkolumbiens haben Männer schon in jungen Jahren Sex mit Eseln, davon wird angeblich der Penis grösser. Und, ein weiterer netter Nebeneffekt: Sex vor der Ehe hat man so auch gleich ausgetrickst. Ha ha, Katholische Kirche, ha ha Zölibat!

Nun gut, könnten wir sagen, das sind Schauermärchen aus anderen Breitengraden, da werden die Menschen halt von anderen Dingen wuschig. Wir tappen als moderne westliche Gesellschaft bestimmt nicht in solche Fallen.
Dachte sich auch Rotkäppchen. Bevor sie dem Wolf verfiel.

Es werfe den ersten Stein,

wer noch nie einen Frosch geküsst hat.

Zoophile Menschen sind in vielen Fällen keine geistig kranken, sondern einsam. Haben nie einen Partner gefunden, einen verloren oder können sich nicht auf andere einlassen. Und dann finden sie Zuneigung in ihrem Vierbeiner; die einzig logische Konsequenz ihrer Liebe scheint der sexuelle Akt. Und wie viele Zoophile, behauptet auch der Mann aus der Doku, dass «sein Hund das auch wolle». Fakt ist: Hunde und Katzen fühlen sich durch gewisse Gerüche angezogen, die von unseren Genitalien ausgehen. Und würden selbst eine Nacktschnecke lecken, wenn genug Sahne drauf ist.

Ein Tier kann kein verbales «Nein» von sich geben. Es kann die Situation auch nicht einschätzen wie ein Mensch. Das konnte und kann es nie. Falls es zwischen den Tieren und den Menschen mal einen Vertrag gab, der besagte, dass wir sie schützen und nähren sollen, sie uns dafür im Gegenzug Fleisch, Fell und Leder liefern – er ist abhanden gekommen. Und mit ihm flattert im Wind der Sinn, wann es angebracht ist, zu töten und wann, zu schützen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Tiere, die im Dunkeln auf dem Boden zwischen ihren Artgenossen dahinsiechen, und dann sterben, manchmal nur so von Sahne träumen.

Wir haben verlernt, alleine zu entscheiden, wann wir wie weit gehen dürfen. Und wann wir unsere Finger und alles andere bei uns behalten müssen. Und somit: das Tier in uns bekämpfen. Dabei unterscheidet uns doch gerade das vom Rest der Tierwelt. Urteile fällen zu können, weil wir uns Gedanken machen. Und nicht, weil wir dem Rest der Horde nachrennen.