@6ix9ine Ich bin zu alt für diesen Scheiss

Regenbogenfarbiges Haar, glitzernde Anhänger und am ganzen Körper tätowiert: Es wirkt, als ob sich der Rapper 6ix9ine nicht entscheiden könnte, ob er nun bei My Little Pony mitspielen oder eine Bank überfallen möchte. Auch bekannt als Daniel Hernandez schaffte es 6ix9ine letzten Herbst praktisch aus dem Stand auf Platz 12 der Billboard Charts. Sein Album «Day69» startete vor wenigen Tagen auf Platz 5. Passend zu Stil und Sound wird er auch in einem Meme zum Soundcloud-Endgegner stilisiert. Dabei ist nicht nur sein Erfolg bei «Haters» umstritten, sondern auch seine Involvierung in einen Fall von sexuellen Handlungen mit einer Minderjährigen.

Bei Rapper 6ix9ine geht so viel ab, dass es schwierig ist, alles in einem Text zu verarbeiten: Zum einen ist da seine Ästhetik – etwa seine Videos, die Games, Comics und Animes referenzierten – zum anderen sind da seine Texte, die sich zuerst nach Nonsense anhören und dann doch kein Nonsense sind, dazu kommen die Nummer 69, die sein Leben zu bestimmen scheint, der Comicbuchstil auf dem Cover seines neuen Albums und eine Verurteilung im Zusammenhang mit sexuellen Handlungen mit einer Minderjährigen.

Schwer zu verdauen. Aber der Reihe nach.

Zuerst wollte ich 6ix9ine dissen. Seine farbigen Haare und die vielen Tattoos schienen mir nur da zu sein, um über seinen Mangel an Talent hinwegzutäuschen. Seine Songs, mit für mich zunächst unverständlichen Titeln wie «Gummo» und «Koda», sind doch reiner Nonsene und musikalisch nicht von einander zu unterscheiden. 6ix9ines extrem aggressiver Rap-Style kombiniert mit vielen «Uhs» und «Yeahs» sind für Textliebhaber nicht das höchste der Gefühle. Dazu kommt, das gefühlt jedes zweite Wort in seinen Texten auf -iffy, -icky oder -izzy endet und er in Interviews wenig wortgewandt den Satz «You know what I mean?» als Interpunktionszeichen benutzt. 243 mal soll er laut einem aufmerksamen Zuschauer den Ausspruch in einem einstündigen Interview auf Youtube benutzt haben. Das sind vier «You know what I mean?»s pro Minute. Ist es also vielleicht eher 6ix9ines Aussehen, das ihm zu Rum und Geld verholfen hat?

Gesichttattoos und neon-farbig-leuchtende Haare scheinen aktuell den Erfolg von jungen Rappern wie Lil Pump, SmokePurpp, XXXTentacion  und Trippie Redd zu befeuern. (Keine Angst, ich habe vor dieser Recherche auch noch nie von den Jungkünstlern gehört.) Die 18 bis 22-Jährigen zählen auf ihren Youtube-Videos bereits um die 30 Millionen Views. 6ix9ine – er ist 22 Jahre alt – hat auf dem Video zu seiner erfolgreichsten Single «Gummo» 150 Millionen Views.

«Gummo» hätte es dann auch fast geschafft, mich mit dem Rapper zu versöhnen. Denn Liedzeilen, die auf den ersten Blick völlig sinnlos wirken

Niggas iffy, uh, Blicky got the stiffy, uh
Got the blicky, uh, drum, it holds fifty, uh
Scum Gang!

haben dann doch eine Bedeutung. Zum einen ist «Gummo» auch der Titel eines 1997 erschienenen Films, der von einer verlorenen Jugend in einem dystopischen Amerika erzählt. 6ix9ine spielt im Text darauf an, dass die heutige Jugend in Brooklyn ähnlich hoffnungslos und verloren ist. Scum ist ausserdem ein Akronym für «Society can’t understand me», eine Wortmarke, die 6ix9ine geprägt hat. Seine Fanbase seien «troubled Kids», sagt 6ix9ine dann auch in einem Interview mit Adam Grandmaison für No Jumper. Er wolle ihnen zeigen, dass an einem Tag alles schlecht aussehen kann und man trotzdem am nächsten Morgen wieder lächeln kann. Passend zu seinem Regenbogenimage: Nach dem Regen kommt der Sonnenschein.

Auch eher auf Kinder und Jugendliche abgestimmt scheint das Cover zu seinem neuen Album: 6ix9ine ist darauf als Comicfigur abgebildet. Comic und Hip Hop haben eine lange gemeinsame Geschichte, entstanden sie doch beide in den 70ern/80ern im urbanen Amerika. Spätestens mit Kanye Wests Album «Graduation», das einen Comic-Bären auf dem Cover trug, war die Verschmelzung von Hip Hop und Comics 2007 auch im Mainstream angekommen.

Doch 6ix9ines Cover mitsamt Zielgruppe bekommen einen schalen Nachgeschmack. Denn neben den für Rapper üblichen Verurteilungen für  Körperverletzungen und Drogenhandel wurde 6ix9ine 2015 – damals war er 18 Jahre alt – für seine Teilhabe an sexuellen Handlungen mit einer Minderjährigen verurteilt. Das heisst: Er hatte zwar keinen Sex mit dem 13-Jährigen Mädchen, war aber dabei, filmte es und postete es dann auf Instagram.

Es stösst mir sauer auf, wenn ich daran denke, dass heute 13-jährige Jungs und Mädchen 6ix9ine auf Instagram folgen und ihn als ihren Helden feiern. Die Tat ist das eine, doch dazu zeigt der Rapper auch keine Reue. Er wird nicht müde zu beteuern, dass er, wenn er doch etwas schlimmes getan habe, heute im Gefängnis wäre. «Haters» würden gemeine Gerüchte über ihn verbreiten. Die Verurteilung aber ist Fakt. Daniel Hernandez hat die Tat gestanden und wurde unter anderem zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Das ist aber wohl nicht bis zu 6ix9ine durchgedrungen.

Sollte ich nun Persona und Person voneinander trennen?

Meist finde ich: Ja. Kunst ist Kunst und soll auch unabhängig vom Künstler bestehen können. Doch in diesem Fall ist es anders. Denn unter anderem soll 6ix9ine zu Protokoll gegeben haben, dass er das Video für sein Image gedreht habe. Die «Scumbag Persona» sei Marketing. Es geht also darum, durch Provokation Geld zu verdienen.

Das delegitimiert nun sein gesamtes Werk. «HIV»-T-Shirts, «S.c.u.m.» und «Gummo» sind keine intelligente Gesellschaftskritik. Sie dienen rein der Provokation und der daraus entstehenden Publicity die wiederum die Geldmaschinerie antreibt. Die Regenbogen-Tattoo-Aufmachung ist nicht originell oder einzigartig, sie ist einfach so auffällig wie irgendwie möglich.

6ix9ine hat als Künstler in etwa so viel Substanz wie ein überzuckerter Slushie.

You know what I mean?

Quellen:

Allgemeine Infos
Musik und Hintergrundinformationen
Die Verurteilung
Fun Facts