Brauchen wir das Paradies?

Die Menschen wurden aus dem Paradies vertrieben, weil sie sich nicht an Gottes Regeln halten wollten. Das hat ein paar tausend Jahre lang gut funktioniertIn den letzten hundert Jahren haben wir dann das religiöse System durch Technik, Internet und virtuelle Welten ersetzt. Gott ist jetzt tot, wir haben ihn umgebracht. Aber sterben ist halt irgendwie trotzdem nervig.

Während einige noch religiöse Posts auf Social Media teilen, nutzen andere die moderne Technologie bereits als Sprungbrett in die Unsterblichkeit. Google forscht in seinem Projekt Calico fleissig am ewigen Leben. Das Biotechnologie-Unternehmen sucht nach Wegen, den menschlichen Alterungsprozess zu stoppen. Wie Calico das macht, weiss kein Normalsterblicher so genau, Google ist als selbst ernannte «open source» in dieser Hinsicht ziemlich verschlossen. Obwohl dieses Geheimnis an eine mystische, höhere Instanz erinnert – momentan sind wir noch auf konventionelle, religiöse Methoden angewiesen.

Klar, vor hundert Jahren war das Leben nach dem Tod für viele Hoffnung, Erlösung, Ankommen – das Paradies eben. Aber jetzt, wo in industrialisierten Ländern kein Hunger und keine Naturkatastrophen herrschen, frage ich mich, was dieses Paradies sein soll. Ist es eine blosse Ausrede dafür, das Leben nicht auszuschöpfen? Ist der heilige Gral wirklich keine Steuern zahlen zu müssen? Oder sind die ungläubigen Menschen vielleicht einfach nur pessimistisch? Oder haben noch nie einen geliebten Menschen verloren? Solange alle, die einem wichtig sind, im gleichen mittelmässigen Leben existieren, gibt es doch keinen Grund, sich ein Leben B im Paradies zu wünschen. Oder?

Seit der Mensch die Technologie für sich entdeckt hat, verlagert sich die Idee des Paradieses, oder zumindest Teile davon, vom Jenseits ins Jetzt. Solange wir leben, können wir mit allen Menschen, die uns lieb sind, Kontakt haben. Und nach dem Tod? Dann leben wir halt im Internet weiter! Einige als Facebook-Profile, andere in semi-interessanten Youtube-Videos und einige als Chatbot. Zumindest der Russe Roman Mazurenko tut das. Nach seinem Tod hat seine Freundin Eugenia Kuydaden einen Chatbot programmiert, der auf Nachrichten zurückschreibt, wie es Roman getan hätte. Gott ist vielleicht tot, aber Technologie wird gerade erst erwachsen.

Trotzdem reicht uns dieses erweiterte Leben anscheinend nicht. Reicht uns digitale Liebe, virtueller Porno und Online-Konsum nicht. Wir brauchen ein Paradies. Denn egal, wie gut es uns Menschen geht, wir wollen immer, dass es uns noch ein bisschen besser geht. So suchen wir nach einem Paradies, von dem wir weder wissen, wie es aussieht, wie es sich anfühlt, noch was es uns bringt.  Und, wie Eva im Garten Eden, sind wir dazu verdammt, nie zufrieden zu sein und nie genug zu bekommen.

Quellen
Homo Deus, Yuval Noah Harari
Google Projekt Calico
Chatbot nach dem Tod