Brauchen wir die ungeschminkte Wahrheit?

Die ungeschminkte Wahrheit: Harte Fakten, the unapologetic Truth, Dinge, die jeder kennt, aber niemand benennen will. Wie der Pickel unter dem Concealer, die Petflasche im Mülleimer und – ja was noch? Tote Kinder im Mittelmeer, mein ökologischer Fussabdruck (1.5 Planeten) und das Artensterben. Ist ja logisch, möchte keiner mehr die Zeitung lesen. Brauchen wir bald einen süssen Hundefilter für News damit die Welt wieder erträglicher wird?

Das wäre dann aber auch schon zu schön, um wahr zu sein. Denn ja: Schönheit und Wahrheit gehen einen schmalen Grad zwischen Akzeptanz – Postivity – und völliger Ablehnung. Abgesehen davon haben die beiden Begriffe eigentlich wenig gemeinsam: Wahre Schönheit ist selten, erhaltenswert dahingegen fristen schöne Wahrheiten ihr Dasein gleich neben der «schönen neuen Welt», eingeklemmt zwischen Fakenews und Büsivideos. Und während jede Aussehensauffälligkeit einen eigenen Hashtag besitzt, vermisse ich #news-positivity. Oder sind not-so-fake-news einfach nicht mehr attraktiv genug?

Wer schon schön ist, muss weniger leiden

Vielleicht hätten sie es ja einfacher, wenn sie etwas aufgemotzt würden. Bei uns Menschen hilft’s. Denn was wir alle schon lange geahnt oder durch wiederholen eines Sprichwortes «gewusst» haben: Attraktive Menschen – also in erster Linie symmetrische Gesichter – haben es leichter. Bei der Jobsuche, Partnerwahl, Lohnverhandlung. Das haben Forscher und auch ein Professor, der im Vorwort  einer seiner These von seiner schönsten Studentin – die gleichzeitig auch super intelligent war – schwärmt, herausgefunden.

Naja. Die ganze Wahrheit ist das eben dann doch nicht. Denn auch das Gegenteil ist der Fall. So wie wir mit guten Aussehen einen guten Menschen verbinden, verbinden wir mit schlechtem Verhalten auch schlechtes Aussehen. Halten wir jemandem für verdorben, böse oder auch nur schon unsympathisch, finden wir ihn auch hässlicher als er vielleicht ist. Das äussert sich auch in Karrikaturen, «Feindbildern» und unvorteilhaften Pressefotos.

Ich mag Donald Trumps Visage kaum ertragen können: seine UnterstützerInnen schwärmen hingegen mit glänzenden Augen von seinem Charisma. Wie sehr unser Weltbild unsere Wahrnehmung prägt zeigt sich beim Blick in den Spiegel. Mag ich mich, find ich mich schön, mag ich mich nicht, find ich mich hässlich. So etwas wie eine objektiv messbare körperliche Schönheit mag es geben, interessiert mein Hirn aber wenig.

Wahrnehmung + Hass = Hässlichkeit

So ähnlich funktioniert das mit Wahrheiten auch. Anders kann ich mir Flat-Earthers, Klimaleugner und den Glauben an die biblische Schöpfungsgeschichte nicht erklären. Und ich kann diesen Glauben und Unglauben sogar nachempfinden. Denn die Klimaerwärmung mag messbar sein, aber ich muss mich schon ziemlich von mir selbst distanzieren, um die Kälte letzten Winter nicht stärker zu gewichten, als die Statistik vor mir. Harte Fakten, wie Statistiken und Zahlen lösen in mir sogar eher eine Abwehrreaktion aus: Wer kann das bestätigen? Wo kann ich das überprüfen.  Ein Video eines verhungernden Eisbären bleibt mir – egal ob das inszeniert, animiert, gefaket war oder nicht.

Es ist also eine Frage der Zielgruppe, wie stark und auf welche Art Wahrheiten geschminkt sein müssen. Es gibt die Menschen, die die ungeschminkte Wahrheit ertragen und dann gibt es den Rest von uns, der lieber die Schotten dich macht, wenn die Information zu hässlich ist. Wichtig ist, wohl, dass wir so eine Art natürlichen Look finden. Etwas, dass die Wahrheit nicht versteckt oder Verdreht, kein Contouring, sondern etwas, das die Wahrheit unterstreicht und besser ersichtlich macht. Einen natürlichen Every-Day-Datelook würden Beauty-Vlogerinnen wohl sagen.

Quellen: