Meme Journalismus – oder «öpis mit Video»

«Die Jungen» interessieren sich nicht für Journalismus. Porno, Augenbrauen und Minischweine, das sind ihre Inhalte. Für junge schweizer Medien die einzige logische Konsequenz, um in dieser Zeit gesehen zu werden: Memes. Lustige Videos. Halbseriöse Stand-up Comedy. Etwas, auf dem man sich gegenseitig markieren kann. Darauf steht ihr doch, ihr Y-loner und Millennials, oder?

Unterhalten und trotzdem informieren – ein gutes Credo, finde ich. Gerade in einer Zeit, in der unsere Aufmerksamkeit so lange wie ein GIF ist und wir nach jedem Blinzeln einen neuen Reiz erwarten. watson macht es vor: Nebst Artikeln posten sie auf Social Media Videos aus der Redaktion. Knackeboul,  der die Welt in «10-Dinge, die»-Videos zusammenfasst. Emily, eine Kanadierin, die uns die Schweiz erklärt. Die ganze Redaktion, die sich mit Alkohol vor der Kamera über Gott und die Welt beschwert. Damit holt man die Jungen ab! Und Geld rein! Die Videoinhalte sind unter anderem durch Ikea, Coop und Swisscom finanziert  – Werbung und Unterhaltung vermischt sich. Egal, wird ja trotzdem geschaut.

Dann, im letzten Winter, musste sich watson warm anziehen. Das izzymagazin kam auf den Markt.  Ein urbanes Magazin mit «Mut zur Meinung» überrannte Social Media mit ihren Kurz-Videos. Und tatsächlich: izzy hat etwas, das watson zu diesem Zeitpunkt fehlt – spontaner Witz. Figuren wie Cedi oder Silvia sind authentisch, erfrischend, ihre Ideen unverbrauchter. Und sie schaffen, was bis jetzt ein Sisyphus-Experiment war: Unterhaltung und relevante Information zu verbinden. Das Video «So einfach kommandiert man die Schweizer Armee», in dem Cedi problemlos an Daten des Schweizer Militärs kommt, zeigt die Grenzen zwischen Spass und Ernst. Oft wird das Magazin seinem Slogan «Mut zur Meinung» aber nicht gerecht. Ausser «Warum Hosen kaufen nervt» oder «Warum schlechtes Wetter das beste ist» sind Themen, zu denen das Publikum eine mutige Meinung von Journalisten braucht.

Vielleicht ist das einfach unsere Zeit und ich bin neidisch. Schliesslich werde auch ich unter diesen Inhalten markiert, zum Schmunzeln und gleich wieder zum Vergessen gebracht. Während ich mit einem lachenden und einem verdrehten Auge hier sitze, geht energy_ch in die Offensive und übernimmt gleich das Konzept von izzy. Videos, die sich mit Themen wie «90s Wörter aus der Schule» oder «Diese Typen stehen in jedem Stau» beschäftigen, mischen sich mit Posts zum Wetter. «Wenn dir dieses Video gefallen hat, dann folge jetzt energy auf Instagram». Oder izzy. Oder watson. Oder blick. Oder 20min. Da ist auch alles drin, was kein Schweizer braucht und trotzdem will – medialer Cervelatismus.

Die junge Zielgruppe will unterhalten werden, sich nicht binden, nicht informieren, nicht wählen gehen. Aber wer war zuerst: die Zielgruppe oder die Medien? Klar gibt es Menschen, die nur lustige Videos schauen und die Augen vor der Welt verschliessen wollen; dieser Stereotyp ist nicht stellvertretend für eine ganzen Generation. Das heisst: Unabhängig davon, ob diese Videos funktionieren – wir Jungen haben etwas Besseres als diese Art von Journalismus verdient. Journalismus und die Medien sind nicht dazu da, den Zuschauer seicht zu unterhalten, selbst, wenn er das will. Journalismus ist da, um Probleme dieser Zeit aufzuzeigen, gerade für junge Menschen. Gerade für solche, deren Lebensmittelpunkt Porno, Augenbrauen und Minischweine sind.

Quellen
Instagram-Account izzymagazine
Instagram-Account energy_ch
Instagram-Account watson_news